"Wir arbeiten in keiner Zuckerbäckerei"

21. November 2008, 19:22
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Bruder von Mona S. soll Beamten bedroht haben - Verfahren auf Probe zurückgelegt

Wien - Ahmed S. ist eher klein und schaut harmlos aus, so wie er vor Gericht sitzt. Angeklagt ist er der gefährlichen Drohung - aufgrund dessen, was er im März einem Justizwachebeamten gesagt haben soll. Ahmed S. ist der Bruder von Mona S. - die mit ihrem Mann Mohamed M. angeklagt ist, an einer terroristischen Vereinigung beteiligt zu sein. Mona S. weigert sich beharrlich, vor Gericht den Gesichtsschleier abzunehmen.

Im März hatten Angehörige Mohamed M. im Landesgericht besucht. Der Inhaftierte sprach mit seinem Vater arabisch. Als der begleitende Sicherheitswachebeamte Helmut H. die beiden aufforderte, deutsch zu reden, eskalierte die Situation. Der schimpfende Häftling wurde von der Einsatzgruppe hinausgetragen.

Dann ging Helmut H. zu den Angehörigen. Laut den anwesenden Beamten hätten Ahmed S. und sein Bruder, die Mohamed M.s Vater begleiteten, begonnen, Helmut H. zu beschimpfen. Worte wie "Nazi" und "Scheiß Land" seien gefallen. Alle Zeugen seitens der Sicherheitswache sagen, dass Ahmed S. gedroht habe: Er solle aufpassen, wenn er nach Hause gehe. "Ich merk mir dein Gesicht." Er werde es schon zurückbekommen und er werde es spüren.

Im Zeugenstand erklärt am Freitag der muskulöse Beamte, warum er sich vor dem schmächtigen Ahmed S. sehr wohl gefürchtet habe: "Das kann's doch nicht sein, dass ich beim Heimgehen hinter jeder Ecke nachschauen muss. Da beginnt man nachzudenken. Wir arbeiten ja in keiner Zuckerbäckerei." Die Drohung habe er ernst genommen, weil da "eine Organisation dahinter" stecke. Immerhin werde Mohamed M. vorgeworfen, sich für die Al-Kaida betätigt zu haben.

"Sicherheitsbesuche"

Nach der Version von Ahmed S. und den Seinen habe sich der Sicherheitswachebeamte aggressiv und drohend verhalten. Wie sich im Laufe der Verhandlung zeigt, hatte wohl ein Missverständnis den Konflikt ausgelöst: Ein Richter soll den Angehörigen gesagt haben, man könne beim Besuch arabisch sprechen. Doch nach der Entführung von Wolfgang Ebner und Andrea Kloiber in der Sahara wurden im Landesgericht "Sicherheitsbesuche" für Mohamed M. verfügt; da ist Deutsch Pflicht.

Die Sicherheitswachebeamten kamen diesmal übrigens selbst von Kollegen eskortiert zur Zeugenaussage: Denn nach dem ersten Verhandlungstag gegen Ahmed S. sollen sie später erneut von Familienangehörigen beschimpft worden sein.

Richterin Beate Matschnig bot Ahmed S. schließlich eine Diversion an: Die Anzeige wird mit einer zweijährigen Probezeit zurückgelegt. Sollte es in dieser Zeit zu neuen Vorfällen kommen, wird das Verfahren wieder aufgenommen. Staatsanwalt Hadmar Lang meldete "massive spezialpräventive Bedenken" an und gab keine Erklärung ab. Die Entscheidung ist daher vorerst nicht rechtskräftig. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.11.2008)

 

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