
Die 24-jährige heimische Songwriterin Marilies Jagsch im Gespräch: "Meine Texte beinhalten starke, emotionale Bilder. Wahrscheinlich glauben dann die Leute, die Frau ist aber echt hart drauf." Am Samstag tritt sie beim Wiener "Blue Bird"-Festival auf.
Wien - Marilies Jagsch gibt sich im Umgang äußerst zurückhaltend. Als Newcomerin im Geschäft trägt man nicht immer alles und schon gar nicht das Herz auf der Zunge. Songschreiben mag Kollegen oft leicht und/oder diszipliniert mittels fixer "Bürozeiten" von der Hand gehen. Bei ihr herrscht zwischendurch oft monatelange Funkstille. Während dieser wartet man dann darauf, dass die Musen wieder auf Sendung gehen. Beim Thema Liederschreiben und der ihr persönlich dabei gern unterstellten Traurigkeit wird sie dann allerdings doch schnell kämpferisch.
Immerhin könne man sich im Zusammenhang mit künstlerischer Produktion vermutlich auf eines einigen: Wenn man wirklich gut aufgelegt sei, habe man Besseres zu tun, als lebensmüde Songs zu schreiben. Und wenn man sich in einer eher mit Moll-Akkorden verhangenen Gemütslage befinde, gelte eigentlich das Gleiche. Da regiere de facto das Nichtstun, DVDs schauen, den Tag träumend hinter sich bringen. Diese Sachen.
Marilies Jagsch: "Meine Texte beinhalten starke, emotionale Bilder. Wahrscheinlich glauben die Leute deshalb, die Frau ist aber echt hart drauf!"
Die aus dem oberösterreichischen Innviertel gebürtige Studentin der Theaterwissenschaften schreibt nicht nur gerade an einer Diplomarbeit zum Thema "Umsetzung von Träumen und Traumsequenzen im Film". Mit nur 24 Jahren hat Jagsch heuer auch mit dem Album Obituary For A Lost Mind ein bildstarkes musikalisches Debüt veröffentlicht (Vertrieb: Hoanzl). Dieses braucht internationale Vergleiche nicht zu scheuen.
Leise und unauffällig
Oberflächlich vergleichbare Vorbilder wie die britische Musikerin PJ Harvey, die US-Tragödin Lhasa de Sela, die argentinische Juana Molina oder neuere Vertreter einer seit einigen Jahren auch vom Hipness-Faktor her wiedererstarkten Folkszene können als Beispiele erwähnt werden. Allen voran derzeit der große US-Songschreiber Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy - oder auch der alte verrückte Wüstenfuchs Howe Gelb von Giant Sand. Heldenfiguren von Jagsch. Sturschädelige wie sanfte, rabiate wie schillernde Perlen einer bodenständigen Liedkunst. Die steht immer am Rande des Zusammenbruchs - und sie schafft dort draußen fragile Klassiker der menschlichen Unbeständigkeit und Verzweiflung.
Gelacht darf zwischendurch aber auch werden. Jagschs CD bietet mit Stücken wie Ghosts, Gravedigger oder Cemetery Garden bei aller formalen Sanftmut ihrer allein im Musenhain auf der akustischen Gitarre entstandenen Lieder genügend Grund zum Schmunzeln. Jagsch: "Der Humor in meinen Stücken wird gern übersehen. Wahrscheinlich auch, weil die Musik vordergründig zu leise und zu unauffällig klingt."
Mit Gästen wie der befreundeten Band A Life, A Song, A Cigarette oder Ernst Molden und diversen anderen Musikern, die Marilies Jagsch teilweise erst bei der Livepräsentation ihres Albums im Frühjahr kennenlernte, entstanden so im Studio heimliche Protesthymnen wie Cemetery Garden. Die beherzte Klage eines Regenwurms in einem betonierten Hinterhofgarten, der von herzlosen Gärtnern zerhäckselt wird, aber doch nicht sterben kann. Am Ende versucht er, seine Arme auszubreiten und wegzufliegen. Das ist nichts weniger als herzergreifend!
Nicht dass Marilies Jagsch als Kind ihrer Zeit nicht auch versucht hätte, moderne Musik aus dem Laptop zu generieren: "Das hat allerdings einfach nicht gut geklungen. Wobei ich sagen muss, dass ich elektronische Instrumentalmusik zwar gern im Hintergrund höre. Emotional spricht sie mich allerdings einfach nicht so stark an wie klassische Songwriter."
Nach ihren Anfängen als Sängerin einer namenlosen Schülerband, die Pixies oder Nirvana coverte, soll 2009 ein in Arbeit begriffenes Folgealbum organischer und rockiger klingen. Immerhin hat sie jetzt eine fixe Begleitmannschaft und mehr Selbstvertrauen in ihrem Rücken. Jagsch gastiert auf dem neuen Album von A Life, A Song, A Cigarette namens Black Air. Und auch Angst Is Not A Weltanschauung, dem aktuellen Album des Wiener Elektronikstars Bernhard Fleischmann, schenkte sie ihre merkwürdig alt und gebrochen wirkende Stimme. Eine Frau mit Zukunft! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./3.11.2008)
Marilies Jagsch ist am Sa., 22. 11., im Wiener Porgy & Bess beim Festival "Blue Bird" zu sehen. Am 29. 11. gastiert sie mit Bernhard Fleischmann im Wiener Ragnarhof.
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in der zweitsprache bleibst du immer nur die zweite.
bestenfalls.
wenn du in einer anderen sprache agierst, ist das schon einmal ein unüberwindbares handicap.
da werden die muttersprachler immer vorne weg sein. die haben stets mehr ressourcen und kraft.
ich verstehe nicht, warum sich künstlerInnen freiwillig von sich selbst entfernen und sich ihrer kompetenz berauben.
für mich ist das ein indiz der aussageschwäche. und dass es sich um weniger um kunst als um nachahmung handelt.
und originalität ist trumpf in diesem geschäft.
englisch singende austrians werden leider nur belächelt, falls sich's überhaupt jemand anhört.
schade um die nette musik.
Jetzt ist mir ein Gegenargument zu meiner Behauptung eingefallen:
Österreichische KünstlerInnen, die deutsch singen, werden ja vom ORF aus- und eingefiltert.
Die Österreichische ist im ORF in der Schublade volkstümlich/regional. Indie-Singer/Songwriter passen da nicht rein.
Somit wird die vorauseilende freiwillige Sprachemigration zur Überlebensstrategie.
Siehe die bekannte Berliner Göre Christl Stürmer.
für gute nicht-deutsche Musik aus Österreich, zB Heat, Clara Luzia, St Privat oder Nick Thal und auch viele international erfolgreiche wie Opus und Falco. Es gibt aber auch viele, die gern englisch singen würden, es aber nciht können.
z. b. lubitsch, wilder, zinnemann, preminger etc.
wer will oder muss, der kann.
und kundera schrieb irgendwann nur noch auf französisch.
lediglich die provinzler, die für ewig an ihre provinz gefesselt sind, sind dazu nicht imstande. sie sind gefangene ihrer inneren provinzialität.
Genau so hatte ich es gemeint.
Es geht außerdem nicht um Prosa (Conrad, Beckett) sondern um Lyrik.
Lyrik ist praktisch unübersetzbar.
Was im Gehirn von Songwritern abgeht, die in einer Sprache schreiben, die sie in der Schule gelernt haben, ist eine krasse Reduktion.
Dazu kommt das Problem der unzureichenden Artikulation.
ÖsterreicherInnen, die Englisch singen, hören sich z.B. für englische Muttersprachler "undeutlicher" an, auch wenn sie für uns noch so perfekt klingen.
Sie werden schlechter verstanden.
Das ist ein weiterer Nachteil im Wettbewerb.
Wer mir das nicht glaubt, höre sich z.B. deutsch gesungene Opernarien von nicht-Deutschsprachigen KünstlerInnen an (wobei diese Leute zur Abhilfe noch hochgradiges Coaching erhalten.)
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