Baku hat im Spiel um Energie gute Karten

21. November 2008, 19:11
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Es ist eine Art "großes Spiel", das alle Beteiligten am Kaspischen Meer derzeit mit großer Freude spielen - Reportage

Dort, wo die Wiege der industriellen Erdölförderung stand, entsteht ein Verteilerknoten für kaspisches Öl und Gas.

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"Sie müssen bedenken: Dies hier ist der Platz, wo es Öl und Gas zur Genüge gibt. Und es ist nicht arabisch, nicht persisch, nicht russisch und nicht Opec."

Elshad Nasirov, Vizepräsident der staatlichen Energiegesellschaft Socar sitzt in der Zentrale von Socar, einem altehrwürdigen Jugendstil-Palais mit Blick auf die Bucht von Baku. Das Palais könnte auch am Wiener Ring stehen. Es atmet den Reichtum vergangener Epochen, als Ludvig Nobel, ein Bruder von Alfred Nobel, sein Ölunternehmen Branobel mit dem schwarzen Gold vor den Toren von Baku zu einem der größten Firmen des zaristischen Russland machte.

Knapp 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion will die ehemalige Sowjetrepublik Aserbaidschan mit Erdöl und -gas ihren Wirtschaftsaufschwung befeuern. Dies soll nicht nur mit Energieexporten aus eigenen Quellen bewerkstelligt werden, führt Nasirov aus. Die Verteilerfunktion von turkmenischer und kasachischer fossiler Energie in Richtung Europa werde geostrategisch ganz logisch von hier aus stattfinden. Denn, und darauf sind die Aseri stolz, rund 20 Kilometer südlich von Baku, beim Sangachal Terminal des Energiekonzerns BP, beginnt die erste und einzige Leitung, die bereits jetzt unter Umgehung von russischem Staatsgebiet Erdöl in Richtung Westen pumpt. Es ist dies die Baku-Tbilisi-Ceyhan Pipeline, die 2006 ihren Betrieb aufnahm.

Sowjetische Altlasten

Auf dem Weg dorthin fährt der Besucher an Gebäuden vorbei, an denen die großen Namen des internationalen Ölgeschäfts prangen: Halliburton, Schlumberger, Unotec. Er fährt auch daran vorbei, was unter Altlasten früherer Energieausbeutungs-Booms subsummiert werden muss: Riesige alte Plattformen stehen wankend im Meer. Meistens ganz nahe am Ufer. Grotesk verlegte lokale Ölleitungen rosten am Ufer vor sich hin. "Das sind die Altlasten der Sowjetunion" , erklärt Huseyn Bagirov, Aserbaidschans Umweltminister. "Die Plattformen direkt vor der Stadt Baku haben wir aber bereits weggeräumt."

Vielfach muss der nördliche Nachbar Russland als Entschuldigung für die Schändung des kaspischen Meeres mit seinen fossilen Reichtümern herhalten. Aber weil vieles aus früheren Fördertagen einen morbiden Charme ausstrahlt, erwägen die Stadtbehörden von Baku den Aufbau eines Freiluftmuseums zum Thema Geschichte der Schürfung. Beginnend mit den Nobels. Auch Alfred war hier und sprengte seinem Bruder ein paar Hügel zur Verlegung der ersten Pipeline weg. Die ansprechenden Parks und vielen Gründerzeitvillen in Baku gehen jedenfalls auf die Zeit Nobels zurück.

Während der Sowjetzeiten hatte Aserbaidschan jedoch nichts von seinem Erdölreichtum, wird noch heute, fast 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, geklagt. Aber auch heute haben nicht viele Bürger was davon, wird bei Fahrten ins Land schnell klar: Ärmliche, Slum-artige Dörfer mit nur wenig landwirtschaftlicher Nutzung.

Viele humanitäre Organisationen beklagen die Intransparenz der Gesellschaft und Oligarchen-ähnliche Wirtschaftsstrukturen. So werde verhindert, dass auch Personen, die nicht zu den favorisierten Kreisen gehören, Firmen und Geschäfte machen können. Das Fehlen von Klein- und Mittelbetrieben wird damit begründet.

Väterlicher Präsident

Wie überall im kaspischen Raum regiert in dem Land eine Gruppe, die häufig auch durch verwandtschaftliche Bande zusammengehalten wird. Den Präsidenten umgibt die Aura liebevoll-familiärer Strenge gegenüber seinen Untertanen. In Aserbaidschan ist Ilham Aliyev, der Präsident des Landes, der Sohn des vorherigen ersten Präsidenten. Jeder, der in dem Land etwas zu sagen hat, tut gut daran, bei Gesprächen zu erwähnen, dass es der Präsident war, der eine bestimmte wichtige Initiative angestoßen hat.

Die Tatsache, dass erstaunlich viele Personen an den Schalthebeln der Macht wie der Präsident Aliyev heißen, tut da übrigens nichts zur Sache: Ali ist ein häufiger Name, der im Laufe der Zeit in russischer Manier mit der entsprechenden Endung versehen wurde.

Doch wird auch im Westen angesichts eventueller demokratischer Mängel ein Auge zugedrückt, wenn es um die Energiesicherheit der EU geht. Vor allem, weil sichtbare Fortschritte gemacht wurden. Als BP seine Investition in den Sangachal Terminal absegnete, sicherte die aserbaidschanische Regierung Eigeninteressen beispielsweise dadurch ab, dass sie auf die Einstellung lokaler Mitarbeiter pochte. Mittlerweile sind 1500 der mehr als 2000 Mitarbeiter Bürger von Aserbaidschan.

Nicht nur "Nabucco"

Längst ist der aserbaidschanischen Regierung klar geworden, dass es für das Land mehr als die in Österreich favorisierte Möglichkeit einer Gaspipeline "Nabucco" gibt. Bekanntlich sollte diese - unter Vermeidung von russischen Gasprom-Leitungen - von Baku über die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn bis zum Marchfelder Hub Baumgarten führen. Daneben gibt es aber auch noch die Möglichkeit, von der Türkei nach Italien abzuzweigen. Überhaupt, die Türkei: Deren Hubfunktion werde stärker, so aserbaidschanische Energieexperten. In Anlehnung zu Gasprom wird von schon von "Turkprom" gesprochen.

Der staatliche Energiekonzern Socar könnte auch damit leben, solange nur die Transit-Gebühren nicht zu sehr in die Höhe schnellen. Selbst Gasprom wird Gesprächsbereitschaft signalisiert. "Alles, was wir wollen, sind Weltmarktpreise", gibt sich Nasirov pragmatisch. (Johanna Ruzicka aus Baku, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.11.2008)

  • Die Welt aus Sicht Aserbaidschans: Elshad Nasirov, Vizepräsident der
staatlichen Energiegesellschaft Socar, erkärt die
geostrategisch-energetische Bedeutung der Region.
    foto: standard/ruz

    Die Welt aus Sicht Aserbaidschans: Elshad Nasirov, Vizepräsident der staatlichen Energiegesellschaft Socar, erkärt die geostrategisch-energetische Bedeutung der Region.

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