"Für Präventivarbeit bleibt kaum Zeit"

21. November 2008, 18:53
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Gebietsbetreuer bemühen sich um bessere Stimmung in Gemeindebauten

Wien - Gut ein Drittel der Hauptstädter lebt im Gemeindebau. Als größte Hausbesitzerin Europas stellt die Stadt Wien nicht nur preisgünstigen Wohnraum zur Verfügung, sie versucht auch in Sachen friedliches Zusammenleben auf die Bewohner einzuwirken.

Seit einem Jahr nehmen sich im gesamten Stadtgebiet Sozialarbeiter der Alltagsprobleme und Wickel im Gemeindebau an. "Das Zusammenleben wird zusehends schwieriger", sagt Claudia Huemer, Leiterin der Gebietsbetreuung in Favoriten. "Der Existenzkampf ist härter geworden, gerade im 10. Bezirk. Gleichzeitig schwindet der Gemeinschaftsgedanke." Die Gebietsbetreuer für die städtischen Wohnhausanlagen versuchen nicht nur Nachbarschaftsstreiteren zu schlichten, sie greifen auch ein, wenn eine Delogierung droht oder sie vom Jugendamt gebeten werden, sich vor Ort ein Bild von der Lebenssituation einzelner Familien zu machen. Huemers neunköpfiges Team ist für gut 105.000 Gemeindebaubewohner zuständig. "Wir sind hauptsächlich mit Akutfällen beschäftigt", sagt Huemer, "für Präventivarbeit bleibt kaum Zeit."

Alte Strukturen

Eine sozialarbeiterische Dauerbetreuung steht in Wien bislang ausschließlich den gut 3800 Bewohnern des Karl-Wrba-Hofs in der Sahulkastraße zur Verfügung. Seit Oktober 2007 hat die Favoritner Gebietsbetreuung im Stahlbeton-Gemeindebau aus den frühen Achtzigern eine Außenstelle. "Wir merken, dass sich die Stimmung positiv verändern lässt, wenn man ein Gebiet länger intensiv betreut", sagt Huemer. In der kleinstädtisch anmutenden Siedlung mit angeschlossener Schule, Seniorentreff und Einkaufszentrum sind laut Huemer hauptsächlich deshalb Konflikte entstanden, weil die gewohnten Kommunikationsstrukturen weggefallen seien. "Seit es keine Hausbesorger mehr gibt und Wiener Wohnen diese Aufgaben übernommen hat, ist niemand mehr vor Ort, an den sich die Leute wenden können."

Auf einen Gebietsbetreuer kommen derzeit 8250 Gemeindebaubewohner. Eine Ausweitung des Angebots ist laut Hanno Csisinko, Sprecher von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP), dennoch nicht vorgesehen. "In vielen Bauten ist Sozialarbeit gar nicht notwendig. Und an den Hotspots gibt es ohnehin Unterstützung." (stem, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.11.2008)

 

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