Der Esel und seine Karotte

21. November 2008, 18:42
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Der ÖFB beschäftigt eine "Zukunftswerkstätte". Wenn die aber nicht endlich damit beginnt, aus der eigenen Geschichte zu lernen, dann wird dem österreichischen Fußball wohl nicht mehr zu helfen sein.

Der österreichische Fußballbund hat eine "Zukunftswerkstätte" eingerichtet. Das ist - ganz ohne Ironie - sehr löblich. Um die Arbeit der Zukunftshandwerker zu fundieren, wäre freilich auch ein Verhältnis zur eigenen Vergangenheit vonnöten, das übers reine Schwärmen über Córdoba und Ähnliches hinausginge. Die Arbeit daran hat der ÖFB bisher allerdings auf geradezu selbstbeschädigende Weise verweigert.

Jetzt, da der ÖFB, wie zu hoffen ist, vor einer Wegscheide steht, rächt sich das bitter. Wer die Gegenwart wegen des fundamentalen Ignorierens der Vergangenheit für einen voraussetzungslosen, sozusagen gottgegebenen Zustand hält, darf sich nicht wundern, wenn ihm die Zukunft stets so davonläuft wie dem Esel die Karotte, die ihm der Treiber vors Maul hält. Das ungefähr hat Bruno Kreisky mit seinem schönen Satz "Lernen S' Geschichte!" wohl gemeint.

Die Stunde der Geburt

Der ÖFB ist - entgegen aller Propaganda, er wäre 1904 gegründet worden - erst 82 Jahre alt. Denn die wahre Geburtsstunde schlug am 22. August 1926. Seit Jahren schon schwelte damals ein Konflikt zwischen der "Freien Vereinigung der Arbeiterfußballvereine" und dem sogenannten "Schutzverband" der seit 1924 offen professionell agierenden Spitzenklubs. Schon im März hatte sich der Konflikt zugespitzt. Der von der Freien Vereinigung dominierte ÖFV hatte aus löblich antifaschistischen Gründen beschlossen, den Fifa-Kongress in Rom zu boykottieren. Der Schutzverband entsandte daraufhin eine eigene Delegation, was den Streit mit den streng amateuristisch gesinnten sozialistischen Sportlern anheizte, die ihren Fußballern, denen sie wegen mangelnder Prinzipientreue die Aufnahme in den ASKÖ verweigerten, deshalb auch ordentlich einheizten.

Die endgültige Klärung begann am 1. Juli 1926. Da gründete die Freie Vereinigung den "Verband der Amateurfußballvereine Österreichs" (VAFÖ). Die Spitzenklubs mussten reagieren. Und gründeten am 22. August den "Allgemeinen Österreichischen Fußballbund", der dem von der VAFÖ beherrschten ÖFV nicht nur alle Trophäen, sondern vor allem auch den Sitz und die Stimme in der FIFA abkaufte. Ja: kaufte.

Der Grund für die klärende Trennung Mitte der Zwanzigerjahre lag in der zeitbedingten ideologischen Verschärfung zwischen bürgerlichem und sozialistischem Lager. Die Konsequenz für den Fußball eignet sich aber durchaus zur epochenübergreifenden Verallgemeinerung. Für den neuen ÖFB war die Trennung nämlich wie das Abwerfen von Ballast. Jetzt erst konnte richtig losgelegt werden.

Hugo Meisl, bis dahin ehrenamtlicher Ligasekretär und Verbandskapitän, wurde zum ersten bezahlten Fußballfunktionär des Landes. Der Präsident - der altgediente Ignaz Abeles - war weiterhin ehrenamtlich tätig. Aber unter ihm schupfte Meisl den gesamten Betrieb, wobei er sich von zwei fundamentalen Prinzipien leiten ließ: Internationalisierung und Professionalisierung.

1927 wurde der Mitropacup, im selben Jahr der Nationencup für Nationalmannschaften ins Leben gerufen. Österreichs Profivereine und ihre Kicker sollten einer ständigen internationalen Konkurrenz ausgesetzt sein. Um der gewachsen zu sein, galt es, die Trainingsarbeit entsprechend einzurichten.

Die Frage des Menschseins

Der legendäre Rapid-Präsident Dionys Schönecker brachte das ungeschminkt auf den Punkt: "Ein Fußballer darf nur von Sonntagabend bis Dienstagfrüh ein Mensch sein. Die übrige Zeit hat er hart zu trainieren." Am Ende aber stand das sogenannte Wunderteam, von dem man bis heute eher das Wunder als das Team wahrnimmt.

Die aktuelle "Zukunftswerkstätte" des aktuellen ÖFB hat zumindest einen praktischen Sinn. Mit dem Verweis auf deren Arbeit konnte man den Anregungen von Altpräsident Mauhart folgen und sich einen Zeitpolster bis Februar genehmigen. Damit ist zumindest die Gefahr gebannt, die Frage des Präsidenten übers Knie zu brechen und die eigentliche Frage nach der Struktur damit zu übertünchen.

Hätte diese "Zukunftswerkstätte" ein Archiv - das verstaubt allerdings immer noch in einem Lager -, könnte sie diesbezüglich nachschlagen in den Gründungsdokumenten, in dem der klaren Scheidung eindeutig der Vorzug vorm Weiterwursteln gegeben wird.

Die Profiligisten, so steht's da drinnen, müssen sich selber in die Pflicht nehmen, die dem Amateursport verpflichteten Landespräsidenten sich das eingestehen, was sie in Wahrheit sind: das billige Feigenblatt, die sündteure Ausrede für die Profiliga, die Dinge nicht in die Hand nehmen zu müssen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 22.11.2008)

 

 

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