Atomkoffer statt Friseursalon

21. November 2008, 18:50
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Ein Besuch beim Lieblingsfriseur? Ungehemmtes Kommunizieren über den Blackberry? Alles nicht mehr so einfach als designierter US-Präsident - Barack Obama bedauert das aufrichtig

Den schwarzen Koffer hat Paul Montanus immer dabei. Nicht eine Sekunde lang würde er ihn aus den Augen lassen. Meist bindet er an den Griff noch ein Lederband, das er sich am anderen Ende straff ums Handgelenk wickelt. Nur nicht vergessen, den Koffer! In ihm liegen: eine "Black Book" genannte Broschüre, welche die verschiedenen Optionen eines Atomschlags auflistet, eine Übersicht über mögliche Ziele, ein Hightechgerät samt Anweisungen für die Kommunikation im Krisenfall sowie ein Kärtchen mit dem Geheimcode.

Schuld an allem ist John F. Kennedy. Seit er im Zuge der Kubakrise darauf bestand, die atomare Option jederzeit und überall verfügbar zu haben, geht die schwarze Aktentasche mit dem Präsidenten auf Reisen. Der Luftwaffenmajor Robert Patterson, der sie für Bill Clinton trug, schilderte einmal, wie es ihn nervlich belastete. Paul Montanus war einer der fünf Offiziere, die den "Football" , wie der Koffer beim Secret Service heißt, für George W. Bush schleppten. Ob er es auch unter Barack Obama tut, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des aktuellen Personalkarussells. Niemand redet darüber.

Besser bekannt ist, wann das lederne Unikum seinen Besitzer wechselt. Am 20. Jänner, dem Tag der Amtseinführung. Zwölf Uhr mittags. Am 19. Jänner dürfte der neue Staatschef in die Geheimnisse des vielzitierten "roten Knopfes" eingewiesen werden. Zumindest war es so bei Clinton, der die Lehrstunde als Stunde der Demut charakterisierte. Die Übernahme der Kontrolle über das Atomwaffenarsenal habe ihn auf sehr nüchterne Weise an die enorme Verantwortung erinnert, die nunmehr auf seinen Schultern laste, schrieb Clinton in seinen Erinnerungen. In dem Moment habe ihm gedämmert, wo der Unterschied liege "zwischen dem Wissen, dass man Präsident wird, und dem tatsächlichen Leben als Präsident".

Bei Obama wird es kaum anders sein. Schrittweise ernüchtert sie, die Übergangsphase, die zwischen der Euphorie der Siegesnacht und der Feierlichkeit der Vereidigung liegt. Der Weg auf den Gipfel, er ist zugleich ein Weg in die Einsamkeit. Bei seinem Friseur, bedauerte er in einem Fernsehinterview, könne er sich schon jetzt die Haare nicht mehr schneiden lassen. Wegen seines großen Schaufensters wurde der Laden zum Sicherheitsrisiko erklärt. Neuerdings kommt Zariff, der Figaro, in die Wohnung eines Freundes der Familie Obama, so gut wie inkognito.

Verlorene Anonymität

Sein Klient macht kein Hehl daraus, wie wenig ihm das alles passt: das Versteckspiel wegen des Haareschneidens, die Betonblöcke und Eisengitter, die sein Anwesen im Chicagoer Hyde-Park-Viertel weiträumig absperren. "Du verlierst jede Anonymität" , sagt Obama.

Dann der Blackberry. Der kommunikationsfreudige Politiker benutzt ihn wie ein typischer Manager, nämlich sehr intensiv. Zu Mitarbeitern hält er vorzugsweise per E-Mail Kontakt, im Wahlkampf oft bis weit nach Mitternacht. Obama sei wohl der erste in der illustren Präsidentenrunde, der regelrecht süchtig sei nach seinem Blackberry, vermutet Joe Lockhart, der Pressechef Clintons. Vorsorglich warnt Lockhart vor akuten Entzugserscheinungen - für den Fall, dass der Besitzer sein Spielzeug abgeben muss.

Zwingen kann ihn keiner dazu, höchstens die Weisheit, die es gebietet, jeglichen E-Mail-Verkehr rigoros einzustellen. Wenn der Kongress will, kann er die digitale Korrespondenz des Präsidenten Nachricht für Nachricht unter die Lupe nehmen, etwa dann, wenn er eine Affäre aufzuklären gedenkt. Einfach die Löschtaste drücken darf der Spitzenmann nicht, das verbieten die Archivierungsvorschriften. Man kann sich vorstellen, wie das elektronische Postfach bald überquillt. Obamas Vorgänger ist auf Nummer sicher gegangen, indem er acht Jahre lang keine einzige E-Mail verfasste. Da er nicht wolle, dass ihn seine private Korrespondenz eines Tages in die Bredouille bringe, verzichte er darauf zu korrespondieren, ließ George W. Bush seine Freunde im Jänner 2001 wissen. "Es macht mich traurig." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2008)

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    Obama auf dem Weg zu seinem Übergangsbüro im Zentrum von Chicago. Die Korrespondenz wird in Zukunft schwieriger, Bekannte warnen vor Entzugserscheinungen.

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