Kranke Häuser? "Kein ökonomiefreier Behandlungsraum"

22. November 2008, 17:00
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Kosten im Gesundheitswesen werden weiter steigen, professionelles Management ist gefragt - Experten-Debatte über gefragte Kompetenzen

Die Kosten im Gesundheitswesen werden weiter steigen, professionelles Gesundheitsmanagement ist gefragt. Welche Kompetenzen und Fähigkeiten nötig sind, darüber wurde mit
Experten diskutiert.

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"Eines ist unbestritten, und zwar unabhängig davon, welche Maßnahmen künftig im Gesundheitswesen ergriffen werden: Die Kosten werden jedenfalls weiterhin steigen", stellt Christian Köck, Vorstand der Health Care Company, gleich bei seiner Einleitung klar. Das bedeute gleichzeitig, so der Gesundheitsökonom, dass die verantwortlichen Institutionen sich immer genauer für ihre Ausgaben rechtfertigen werden müssen: "Nach welchen Kriterien wird Geld verteilt, bringen die Investitionen wirklich mehr Qualität und - letztlich - wird in den Steuerungsinstanzen auf Bundes- und Landesebene effizient gearbeitet?", diese und andere Fragen werden die Steuerzahler immer häufiger stellen.

"Denkt man etwa an den Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), kann man von einem riesigen Konzern sprechen, der noch enorme ungenützte Ressourcen birgt, selbst wenn die politische Sensibilität natürlich größer ist als bei einem Konzern wie beispielsweise Magna."
Die Tatsache, dass hierzulande jeder - ganz unabhängig von Bildung und Einkommen - Zugang zur Gesundheitsversorgung hat, halten Köck wie auch der Generaldirektor des KAV, Wilhelm Marhold, für eine der größten Errungenschaften unserer Gesellschaft. Um sie auch weiter zu garantieren, müsse jedoch die Effizienz deutlich gesteigert werden. "Wir haben im Gesundheitsbereich in Österreich einen Topstandard. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im medizinischen Kerngeschäft einfach noch professioneller arbeiten müssen, um den hohen Ansprüchen der Patienten zu entsprechen", sagt Marhold.

Fehlerkultur zulassen

Kommunale Krankenhäuser sollten zukünftig ihr Leistungsspektrum genauso nachweisen müssen wie die Mortalitätsrate bei den durchgeführten Eingriffen. "Dazu gehört jedoch auch, dass wir in unseren Unternehmen eine Fehlerkultur zulassen. Nur wenn wir offen mit Fehlern umgehen, können wir die ohnehin hohe Qualität in unseren Spitälern noch verbessern." Die Tatsache der stark wachsenden Kosten im Gesundheitswesen sorgt den Generaldirektor des KAV zwar auch; er ist jedoch überzeugt, dass die Entwicklung der Medizin deutliche Ersparnisse nach sich ziehen werde.
Der Fortschritt in der Medizin sei eine Sache, mindestens genauso viel Ressourcen steckten aber auch in den Menschen, die in den Spitälern arbeiten, ergänzt Marianne Winkler von der Med-Uni Wien: „Die Medizin hat sich enorm weiterentwickelt, aber in puncto Betriebsstruktur befinden wir uns noch in den Zeiten von Theodor Billroth. Managementverhalten muss endlich auch innerhalb der Berufsgruppen der Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte greifen."

Die meisten Mediziner würden ihre Führungskompetenzen nicht im Zuge einer Ausbildung erlernen, sondern einfach eine Station genau so leiten, wie es auch der Vorgänger schon gemacht hat. „Ich würde mir wünschen, dass die Ärzte von heute Mut zu neuen Führungsmodellen haben", so die Anästhesistin. Darüber hinaus seien laut Ernest Pichlbauer von Health Policy International vor allem auch Defizite bei der Festlegung konkreter Zielsetzungen zu konstatieren: „Es wird zwar viel von Effizienz geredet, allerdings kann man diese nur messen, wenn wir ganz klare Ziele definieren. Nur dann kann man sehen, ob die Vorgaben auch erreicht worden sind." Jene unter den Ärzten, die mutig genug wären, auch etwas zu verändern, könnten ihre Ziele nicht erreichen, denn die Politik schieße im Regelfall ohnehin quer.

Zufriedenheit maßbeglich

Das will Wilhelm Marhold natürlich keinesfalls auf sich sitzen lassen - es gäbe zwar sicher noch einiges zu tun, aber die Zufriedenheit etwa unter den Wiener Patienten sei einfach nicht wegzuleugnen: „Genau das ist für uns maßgeblich." Albin Krczal vom Zentrum für Management und Qualität im Gesundheitswesen der Donau-Universität Krems, meint zu wissen, woran es in der Organisationskultur diverser Krankenhäuser besonders fehle: "Social Skills und den richtigen Umgang mit kranken Menschen, das versuchen wir neben betriebswirtschaftlichen Fächern besonders stark in unserer Ausbildung zu vermitteln. Das Schwierige ist allerdings nicht, die Inhalte unseren Teilnehmern zu vermitteln, sondern ihnen dabei zu helfen, sie in der Praxis auch tatsächlich umzusetzen. Die meisten kommen ganz schnell wieder ins alte Fahrwasser."

Es sei zwar nicht notwendig, dass jeder Arzt eine Managerausbildung erhalte, aber „zumindest jene, die Verantwortung übertragen hätten, müssten verstehen, dass sie sich nicht in einem ökonomiefreien Raum bewegten", meint Köck: „Betrüblich ist, dass angehende Mediziner im Studium noch immer nichts über Kommunikation mit Patienten lernen, obwohl nahezu jeder Arzt mit ihnen zu tun haben wird. Man sollte nicht vergessen, dass Heilung ein konkreativer Prozess ist."
"Natürlich ist es das", bestätigt Wolfgang Köppl von Siemens Medizintechnik. "Das unternehmerische Denken, das in dieser Runde Platz greift, müsste auch in die Organisationen implementiert werden. Wenn man die Bereitschaft zur Veränderung hat, heißt das aber naturgemäß, dass es nicht nur Leute dabei geben wird, die gewinnen, sondern auch welche, die etwas aufgeben müssen. Das muss man ehrlich kommunizieren."

Ideen sind gefragt

Johanna Fitz von der Personal- und Managementberatung Eblinger & Partner stimmt Köppl zu, ist aber dennoch zuversichtlich, was den Bedarf an qualifizierten Leuten betrifft: „Ich orte in einem modernen Gesundheitswesen die Notwendigkeit vieler neuer Berufsbilder. Ideen sind gefragt! Gesundheitsmanagement sollte doch in ganz vielen Bereichen wie der Pharmaindustrie, im Wellnessbereich oder der Tourismusbranche ansetzen. Auch für den niedergelassenen Bereich sollten wir uns einmal überlegen, welches Potenzial wir da noch mit professionellem Gesundheitsmanagement ausschöpfen können."

Aber nicht nur Mediziner werden im Gesundheitsmanagement gebraucht, auch Betriebswirte mit der Bereitschaft, sich mit der Medizin auseinanderzusetzen, seien die richtigen Leute am Platz: „Menschen mit einem anderen Ausbildungsbackground kommen vielleicht zu gänzlich anderen Lösungen und Antworten. Genau das kann besonders wertvoll sein, wenn es darum geht, Effizienz und Professionalität ins System zu bringen. Mediziner aber müssen ein Gefühl dafür bekommen, was unternehmerisches Tun ist. "Und genau das bekommen sie auch, wenn sie bei uns den MBA für Health Care Management machen", konstatiert Winkler, „Ich habe die Ausbildung auch selbst gemacht und kann mir nun wirklich etwas unter Controlling und Kostenrechnung vorstellen. Das Mehrwissen schafft einfach mehr Verständnis."

Professionalität im IT-Bereich

Genauso notwendig wie betriebswirtschaftliches Verständnis sei, so Köppl, die Bereitschaft im medizinischen Bereich, sich mit moderner Kommunikation auseinanderzusetzen: „IT ist im privaten wie im öffentlichen Bereich das Herzstück jedes Unternehmens." „Schon, aber neben der Professionalität im IT-Bereich brauchen wir sie vor allem auch, wenn es um die Personalauswahl geht! Wird ein Hearing quasi nur pro forma gemacht, ist das völlig sinnlos", gibt Fitz zu bedenken. Marhold gibt der Personalberaterin recht: „Eine falsche Personalentscheidung verfolgt einen jahrelang, sie ist eine echte Kulturstörung." (Judith Hecht/DER STANDARD; Printausgabe, 22./23.11.2008)

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    Im Spannungsfeld zwischen Qualität und Kosten: Das Gesundheitswesen.

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