Europa: Kein einziger Sektor im Plus

21. November 2008, 15:55
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Ein Kommentar von Stephan Lingnau aus dem Equity Weekly der Erste Bank

Der Absturz des DJ Stoxx 600 hat sich diese Woche weiter beschleunigt. Nachdem der Leitindex vergangene Woche um 5,4% nachgegeben hatte waren es in dieser Woche erschreckende 8,5%. Seit dem Zwischenhoch am 4. November steht ein Minus von 20% zu Buche. Am schlimmsten hat es diese Woche wieder die Banken (-15%) und Rohstoffhersteller (-14%) getroffen. Insgesamt war keiner der 19 Sektoren im Plus. Insbesondere der Einbruch der antizyklischen Pharmaindustrie war signifikant (-9%). Dieser freie Fall der Aktien trieb die Anleger weiter in sichere Staatsanleihen. Am Rentenmarkt ist der Bund-Future erstmals seit März 2006
über 120 Punkte geklettert.

Das Weltwirtschaftsklima ist laut Ifo-Institut im vierten Quartal auf 60,0 Punkte und damit den tiefsten Wert seit 1988 gesunken. Vor allem die Einschätzung der gegenwärtigen Lage hat sich deutlich eingetrübt. Aber auch für die kommenden sechs Monate wird kaum noch mit einer Erholung gerechnet. Besonders stark ging der Index in Spanien, Italien, Belgien und Irland zurück. Das Wirtschaftsklima liegt hier bei 51,2 Punkten und damit noch niedriger als in Nordamerika und Asien. Das größte Problem der Wirtschaft ist die mangelnde weltweite Nachfrage.

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass ähnlich wie bei der Rettung der Banken ein gemeinsames Konjunkturpaket aller Mitgliedsstaaten zustande kommen wird. Laut EU- Kommission sollen die Mitgliedsstaaten dafür EUR 130 Mrd. aufbringen. Für jedes Land würde dies etwa 1% des BIP bedeuten. Das Programm sieht Investitionen in Infrastruktur, Klimaschutz, Energieeffizienz, Hilfen für kleine und mittlere Unternehmen, Innovationsförderung sowie eine Lockerung der EU-Beihilferegeln vor. Der Europäische Rat soll sich am 10. Dezember damit befassen.

Weiters überlegt die Europäische Investitionsbank Autohersteller mit zinsgünstigen Krediten von EUR 40 Mrd. zur unterstützen. Die Marktforschungsfirma J.D. Power prognostiziert, dass der Automarkt dieses Jahr in Westeuropa um 7,9% zurückgehen wird. Für 2009 wird ein weiterer Rückgang um 10,9% erwartet. Renault geht schon von minus 20% in 2009 aus und senkt die Produktion im vierten Quartal um 25%.

Easyjet hat im Geschäftsjahr einen deutlichen Gewinnrückgang erlitten. Der Umsatz legte zwar um 31,5% auf GBP 2,4 Mrd. aber der Vorsteuergewinn ging auf GBP 110,2 Mio. (-47%) zurück. Easyjet will dem schwierigen Umfeld unter anderem mit Mehrwertdiensten und Kostensenkungen begegnen. Die Aussichten für 2009 sind ungewiss. Ein ähnliches Bild ist bei den Zahlen zum zweiten Quartal von Air France-KLM zu beobachten. Der Umsatz stieg um 3,2% auf EUR 6,7 Mrd.,
während der Gewinn um kräftige 44% auf EUR 405 Mio. einbrach. Das Passagierwachstum betrug 1,7%. Die italienische Regierung hat derweil dem Verkauf der Fluggesellschaft Alitalia an eine italienische Investorengruppe für EUR 1,05 Mrd. zugestimmt. Diese will Flugrouten und mehr als 3 000 Arbeitsplätze streichen und rund EUR 1,1 Mrd. neu investieren. Zudem soll Alitalia mit der deutlich kleineren Fluggesellschaft AirOne fusioniert werden. Im Dezember wird die neue Fluglinie ihren Betrieb aufnehmen.

Der Windkraftanlagen-Hersteller Nordex hat dank guter Nachfrage aus dem Ausland in den ersten neun Monaten Umsatz und Gewinn kräftig gesteigert. Nordex erzielte ein Umsatz von EUR 781 Mio. (+58 %) und einen Gewinn von 29,2 Mio. Euro (+40%). Damit übertraf das Unternehmen die Erwartungen leicht. Die Prognose für das Gesamtjahr wurde bestätigt. Der Auftragseingang betrug Ende September EUR 796 Mio. und lag damit leicht unter dem Vorjahreswert von EUR 823 Mio. Allerdings erwartet das Unternehmen ein Nachlassen der Wachstumsdynamik, da sich für einige Kunden die Finanzierung ihrer geplanten Windparks
erschwert. Für das kommende Jahr wird nur noch mit ein Umsatzwachstum von 10 bis 15 % gerechnet. Dennoch will Nordex bis 2011 auch in China und in den USA Produktionskapazitäten aufbauen.

Am Montag werden mit dem Ifo Geschäftsklimaindex und den Neuaufträgen der Industrie zwei wichtige Frühindikatoren veröffentlicht. Imperial Tobacco und Thyssen Krupp werden im laufe der Woche ihr Jahresabschlüsse präsentieren, wobei man insbesondere auf die Prognosen von Thyssen Krupp für 2009 gespannt sein darf.

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