USA: S&P auf tiefstem Stand seit elf Jahren

21. November 2008, 15:51
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Ein Kommentar von Ronald-Peter Stöferle aus dem Equity Weekly der Erste Bank

Die US-Börsen knicken erneut dramatisch ein. S&P 500 (-17%) und Dow Jones (-14 %) fallen aufgrund ernüchternder Einzelhandelsdaten und Deflationsängsten auf den niedrigsten Stand seit 1997 bzw. 2003. Der Weltfinanzgipfel am Wochenende brachte erwartungsgemäß keine konkreten Reformpläne, die beteiligten G20 Nationen beschränkten sich auf allgemeine Lippenbekenntnisse und Worthülsen. Der nächste Gipfel wird erst im April 2009 stattfinden.

Besonders schockierend fielen die Einzelhandelsdaten aus. Die Umsätze fielen im Oktober um 2,8 %. Auch die Protokolle der letzten FED-Sitzung brachten kaum positive Impulse. Aus den FED-Minutes geht hervor dass für 2009 ein BIP-Rückgang um 0,2 % möglich erscheint, dramatischere Abwärtsrisiken für die Konjunktur seien ebenfalls möglich. Im Gesamtjahr 2008 erwarte man lediglich eine Stagnation.

Auch die Warnung vor einer noch längeren Rezession, gepaart mit deflationären Tendenzen löste nicht gerade Euphorie aus. Die Verbraucherpreise sanken im Oktober um 1 %, dies nährte in Verbindung mit den ebenfalls deutlich gesunkenen Erzeugerpreisen die Deflationsängste. Zudem stieg die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf den höchsten Stand seit 16 Jahren, auch der Rutsch der japanischen Wirtschaft in die Rezession und der weitere Rückfall des Empire-State-Manufacturing-Index passten ins negative Stimmungsbild.

Im Fokus standen hauptsächlich die schwer angeschlagenen US-Autobauer. Die General Motors Aktie fällt auf den tiefsten Stand seit 1943. Erneut haben die CEO's der großen amerikanischen Autobauer GM, Ford und Chrysler auf die prekäre finanzielle Situation und die dramatischen Langzeitfolgen einer Insolvenz hingewiesen. Um die Liquiditätskrise zu überleben, sei ein Notkredit in Höhe von zumindest USD 25 Mrd. nötig. Eine Alternative zum Gläubigerschutz nach Chapter 11 dürfte es nicht geben. Nachdem Finanzminister Henry Paulson bekanntgab, dass das Rettungspaket nicht für die Autoindustrie zugänglich sei, erhöhte sich der Druck auf die "Big Three". Die 49 %ige GM-Beteiligung GMAC, hat nun um eine Banklizenz angesucht, um in den Genuss des USD 700 Mrd. schweren Rettungspakets für Finanzinstitute zu kommen.

Aktien der Citigroup brechen auf Wochensicht um 50 % ein. Obwohl der saudische Prinz al-Walid Bin Talal seine Anteile auf über 5 % aufgestockt hatte, zeigten sich die Marktteilnehmer bezüglich der Überlebensfähigkeit der Großbank skeptisch. Man möchte nun weitere 50.000 der insgesamt 350.000 Jobs abbauen. Auch JP Morgan dürfte weitere Stellen streichen. Branchenprimus Goldman Sachs gab bekannt, dass der Vorstand heuer auf Bonuszahlungen verzichten werde, für die restlichen Mitarbeiter werden Boni in Höhe von knapp USD 11 Mrd. gezahlt.

Naturgemäß fanden sich Aktien von Einzelhändlern an der Spitze der Verliererliste. Abercrombie & Fitch meldete einen Gewinnrückgang und eine deutlich pessimistischere Prognose für das nächste Geschäftsjahr. Auch JC Penney meldete einen Gewinneinbruch sowie eine geringe Schätzung für das laufende Quartal. Die Baumarktkette Lowe's meldete ebenfalls einen deutlichen Gewinnrückgang, die Prognosen konnten jedoch übertroffen werden. Konkurrent Home Depot konnte ebenfalls positiv überraschen. Für das neue Geschäftsjahr rechnet man nun aufgrund der Schwäche am US-Immobilienmarkt mit einem Umsatzrückgang von 8-10%. Die Gewinne wolle man stabil halten. Target legte einen 24% niedrigeren Gewinn, das Aktienrückkaufprogramm wird vorerst ausgesetzt. Ölwerte litten naturgemäß unter dem schwachen Ölpreis. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI fiel teilweise auf unter USD 50/Barrel und damit den niedrigsten Stand seit Juni 2005.

Einer der wenigen Lichtblicke war die überraschende Präsentation vorläufiger Zahlen bei Hewlett-Packard. Umsatz und Ergebnis im vierten Geschäftsquartal lagen höher als prognostiziert. Auch der Ausblick für das neue Geschäftsjahr fiel wesentlich positiver als erwartet aus, die Aktie zählt mit einem Plus von 0,4% zu den wenigen Wochengewinnern. Jerry Yang, der CEO von Yahoo!, meldete seinen Rücktritt. Die Aktie reagierte darauf mit einem kurzen Kursfeuerwerk, nachdem Microsoft CEO Steve Ballmer eine Übernahme jedoch postwendend ausschloss, bricht die Yahoo! Aktie darauf um 21 % ein.

In der nächsten Handelswoche werden kaum relevante Unternehmenszahlen präsentiert, für Impulse könnte die Veröffentlichung des Case-Shiller-Hauspreisindex' sorgen. Die weitere Tendenz der US-Aktien dürfte jedoch eindeutig negativ bleiben. Für eine nachhaltige Bodenbildung müsste die Volatilität deutlich abnehmen, aktuell liegt der VIX jedoch bei 80 und nähert sich somit auch wieder dem Allzeithoch. Zudem hat die Advance/Decline Linie ein neues Tief markiert, das Volumen bestätigt diese trüben Aussichten. Das bisherige Resümee des Aktienjahres 2008 fällt verheerend aus. Der S&P verbucht das größte Verlustjahr aller
Zeiten, 483 (97 %) von 500 Aktien sind im Minus. Während im letzten Bärenmarkt (2000-2002) klassisch defensive Sektoren wie Healthcare und Tabak zulegen konnten, gibt es nun gar keinen sicheren Hafen mehr.

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