"Bin viel zu feig, um zu stehen, wo Bomben einschlagen"

21. November 2008, 16:03
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Über ihr Leben als Kriegsreporterin hält Antonia Rados Vorträge in Wien - Warum der Beruf gefährlicher ist als früher erzählt sie im STANDARD-Interview

STANDARD: Schneller als Kriegsreporter liefern inzwischen Handys Bilder von Krisen. Ernsthafte Konkurrenz?

Rados: Heute ist jeder Kriegsreporter. Beim Tsunami kamen die eindrucksvollsten Bilder von Handys. Dadurch entsteht ein Weltbild, das sagt: Es passiert ständig etwas auf der Welt, und wir sind alle dabei. Leute sagen gern zu mir: "Wahnsinn, wie Sie stehen und links und rechts explodieren Bomben." Das ist aber nur deren Wahrnehmung. Ich bin viel zu feig, um zu stehen, wo Bomben einschlagen.

STANDARD:
Auf manchen Kriegsschauplätzen drängeln sich die Reporter.

Rados: Die Technik hat Kriegsreportagen dramatisch verändert. Aber Technik ist so gut oder schlecht, wie die Leute, die sie bedienen. Oft ist es so: Je schneller die Welt von einer Katastrophe erfährt, desto größer sind die Chancen, dass sie beendet wird. Aber: Nicht alles, was uns als Katastrophe erscheint, ist auch eine.

STANDARD:
  Ist das dieselbe Art der Wahrnehmung, die meint: Medien schüren Ängste?

Rados: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass man dem Zuschauer nachsagen kann, er interessiere sich nur bis zum Tellerrand. Meine Erfahrung ist, dass sich die Leute sehr wohl für den Tellerrand der Afghanen interessieren. Das ist eine Mischung aus Hoffnung und Angst. Ich habe viele Anfragen von Leuten, die mit mir mitfahren wollen.

STANDARD:
Woher kommt aber diese Meinung von den Angst machenden Medien?

Rados: Das ist die alte Geschichte: Wer die schlechten Nachrichten bringt, kriegt immer zuerst eine aufs Dach, dann geht's einem besser.

STANDARD: Sehen Sie sich als Aufklärerin?

Rados: Ich bin Reporterin, liefere Informationen und versuche sie einzuordnen. Ich will niemanden wachrütteln. Ich will nur die Reportagen machen, die ich für wichtig empfinde.

STANDARD:
Denken Sie nie daran, was Sie beim Zuschauer bewirken?

Rados:
Nein, aber das sollte ich auch nicht. Mein Maßstab ist - wenn ich das so großkopfert sagen darf - mein Wissen und Gewissen.

STANDARD:
Ist der Job gefährlicher geworden?

Rados:
Ja. Wir sind ständig Gefahren ausgesetzt. Wenn wir speziell auf Frontlinien oder Taliban aufpassen, können wir sicher sein, dass anderswo eine neue Entführungswelle einsetzt.

STANDARD:
Haben Sie Angst?

Rados: Natürlich, jeder hat Angst, aber jeder zu einer anderen Zeit. Ich kann in der Früh aufwachen und sagen: Mein Gott, das wird furchtbar, wer weiß, ob wir am Abend überhaupt zurück kommen. Beim Frühstück treffe ich dann meinen Kameramann, der ist frohen Mutes und sagt: So schlimm wird es nicht werden. Ohne Risiko geht es nicht ab. Je früher man das begreift, umso besser.

STANDARD:
Wie haben Sie sich verändert?

Rados: Die Unbekümmertheit, irgendwo hinzufahren habe ich nicht mehr. Ich habe Phasen, wo ich glaube, dass diese Form des Journalismus sinnlos ist, und ob ich nicht Sinnvolleres machen sollte. Es wäre intelligenter, wenn ich irgendwo ein Jahr lang unterrichte oder ein paar Kinder adoptiere. Wenn ich zum Beispiel in Afghanistan war: Das Land trifft einen mit voller Wucht. Der Armut wegen, aber auch deshalb, wie die Menschen leben müssen. Wenn ich zurückkomme, kann ich das nicht einfach abschütteln. Das Dilemma hat jeder Journalist, der herumfährt und nicht nur in Dubai im Luxushotel übernachtet.

STANDARD: Wie bewahren Sie sich Ihr Urteilsvermögen?

Rados: Ich habe keine Wahl, weil ich mit Mitarbeitern zusammen arbeite. Man erwartet von mir, dass ich sage, wo es lang geht. Im Film "Feuertod" kam es im Team zu einem Einbruch, zum Schluss fast schon zu einer Lähmung. Ich muss mich dann selber am Schopf ziehen und irgendwie weitermachen. Die Realität ist aber weniger dramatisch. Man fährt als Reporter hin, aber auch wieder heim, ins geheizte Heim und in die sichere Struktur.

STANDARD: Hat Sie der Beruf hart gemacht?

Rados: Teilweise ja. Aber umgekehrt erlebe ich ihn als ständige Bereicherung. Ich setze mich ins Flugzeug und bin im Flieger dankbar. Weil ich jedes Mal etwas dazu gelernt habe. Das führt dazu, dass ich ständig meine Meinung ändere.

STANDARD: Wie lange wollen Sie sich das noch antun?

Rados: Nächste Frage! Ich fragte vor Jahren eine Freundin: Kann ich mit 70 noch in Kriegsgebieten herumturnen? Sie: Warum nicht?

STANDARD:
Vielleicht, weil's mühsamer wird?

Rados: Meine Bandscheiben sind kaputt, zuletzt hatte ich Parasiten, davor Hepatitis. Aber das vergisst man.

STANDARD: Welche Krisen vernachlassigen die Weltnachrichten?

Rados: Ich weiß nicht, was die Gesetzmäßigkeiten der Weltinformation ist. Darfur bekommt keine wirkliche Öffentlichkeit, die Piraten haben wieder eine Riesenöffentlichkeit, weil sich da jeder etwas vorstellen kann. Die Welt möchte vielleicht ständig mit einer neuen Art von Krisen gefüttert werden. Piraten - das hatten wir noch nicht.

STANDARD: Vorerst geht es weiter: Sie wechseln vom ZDF zu RTL. Konkrete Projekte?

Rados:
Reportagen aus Afghanistan und Pakistan. Ich will den Abzug der Amerikaner aus dem Irak begleiten.

STANDARD: Fühlen Sie sich bei RTL wieder zu Hause?

Rados: Über das ZDF sage ich nichts Schlechtes. Beide Sender waren immer korrekt. Ich brauche eine Nische zum Arbeiten. Dann bin ich glücklich.

STANDARD: Der ORF käme nicht in Frage?

Rados:
Ich bin nicht auf den ORF zugegangen.

STANDARD:
Was raten Sie Berufsanwärtern?

Rados: Standhaft und lästig sein, nach bestem Wissen und Gewissen berichten. Nicht auf Zuschauer, Quote und Kollegen schielen. Dort hinschauen, wo niemand ist.  (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 22/23.11.2008)

Zur Person
Antonia Rados (55) berichtet ab Jänner wieder für RTL aus Krisengebieten - Am 12. Dezember trägt sie bei der Theodor-Herzl-Dozentur in Wien vor.

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Berichtet aus Krisengebieten, ab Jänner wieder für RTL: Kriegsreporterin Antonia Rados.
    foto: rtl

    Berichtet aus Krisengebieten, ab Jänner wieder für RTL: Kriegsreporterin Antonia Rados.

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