Abstrakte Kunst als starker Stimulus für die Sehnerven

22. November 2008, 17:45
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Psychologe Richard Latto: Es tut gut, abstrakte Linien, Flächen und Formen anzusehen - ein spezieller Mechanismus im Gehirn belohnt

Liverpool - Einen neuen Zugang zur Wirkung abstrakter Kunst stellt der Psychologe Richard Latto der Universität Liverpool zur Diskussion. Ein spezieller Mechanismus im Gehirn belohne den Menschen beim Betrachten abstrakter Kunstwerke mit guten Gefühlen, so seine These. Es tue gut, abstrakte Linien, Flächen und Formen anzusehen, da diese starke Stimuli für die Sehnerven seien. "Wir haben ein System entwickelt, das uns dabei anregt, solche Stimuli für die Sehnerven anzusehen", behauptet Latto. Als weitere Faktoren, die am Publikumsgefallen abstrakter Kunst beteiligt sind, erkennt er narrative Schemata der Kunstwerke sowie erlernte Präferenzen und soziale Faktoren der Betrachter.

Stimulierung

"Unsere Gehirnnerven müssen zu ihrem Wachstum und zur weiteren Entwicklung aktiv gehalten werden", betont Latto. "Für ihr Funktionieren ist es daher wichtig, dass das visuelle System stimuliert wird und manchmal an seine Grenzen stößt." Ein Mechanismus im Hirn fördere diese Entwicklung durch die Ausschüttung guter Gefühle. "Vielleicht sehen wir deshalb gerne Gesichter, Landschaften und auch abstrakte Kunstwerke, weil es uns und unserem Gehirn gut tut."

Die von den Sehnerven aufgenommenen Impulse stimmten mit dem durch Evolution und Erfahrung geschulten visuellen System überein, das auf diese biologisch und sozial wichtigen Stimuli reagiere. Das erlaube dem Menschen ein schnelles und unkompliziertes Urteil über das Gesehene und schaffe dabei eine Bevorzugung bestimmter Formen vor anderen.

"Versuch und Irrtum"

Den Hinweis auf seine These erhält Latto aus der Frage, warum gewisse Gemälde abstrakter Kunst so berühmt seien. In bekannten Werken wie "Die Schnecke" von Matisse oder Mondrians verschiedenen Bildern mit Farbkompositionen verteilten die Künstler auf einer weißen Leinwand Formen und Farben in einer ästhetischen Weise, die beim Betrachter meist Gefallen erzeugt. "Diese Künstler wussten nicht über die im Gehirn ablaufenden Prozesse Bescheid, sondern verwendeten ihr eigenes Sehsystem, um durch Versuch und Irrtum das Bild nach ihrem Wohlempfinden zu gestalten", erklärt Latto. Da es kaum Unterschiede im Sehsystem der Menschen gäbe, würden in der Regel auch die Betrachter die Bilder gerne sehen.

Latto nimmt an, dass dieser Effekt auch für andere Bereiche der Wahrnehmung gilt. "Auch viele Inhalte der zeitgenössischen Musik sind abstrakt. Es ist anzunehmen, dass auch hier das Gefallen auf ähnliche Weise erzeugt wird", so der Psychologe aus Liverpool abschließend. (pte)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Werk Mondrians

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