Puzzlesteine zur Medienwelt

21. November 2008, 17:07
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Von Abzockfernsehen bis Zeitungssterben: Harald Fidler, Medienredakteur des STANDARD, fasst die Branche in einem großen Lexikon zusammen - Von Roman Hummel

Noch ist der offene Brief, den Gusenbauer und Faymann während des letzten Wahlkampfes an den Herausgeber der Kronen Zeitung schrieben, in der politischen Diskussion präsent. In ein paar Monaten werden dieses Ereignis und _die damit zusammenhängenden Fragen nach dessen Wirkung ins allgemeine Vergessen gleiten. Denn angeblich ist nichts uninteressanter als die Zeitung von gestern. Nur Radio- und Fernsehinhalte verflüchtigen sich noch schneller.
Die wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Mediensystems sind freilich erheblich beständiger, wenn auch weniger im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit. Will man verstehen, was es bedeuten kann, wenn der Generalanwalt der Raiffeisen-Bank öffentlich sein Interesse am Erwerb von ORF 1 anmeldet, braucht man Zusatzinformationen.

Interessant ist hier einerseits, dass eine Kommerzialisierung des ersten Fernsehkanals das Programm wohl auch nicht mehr stärker kommerzialisieren kann, als es das ohnehin schon ist, wie aus einer Programmanalyse des Salzburger Kommunikationswissenschafters Woelke für die Medienbehörde hervorgeht. Interessant ist aber andererseits auch, dass Raiffeisen bereits an zahlreichen auflagenstarken österreichischen Printmedien, an ausgelagerten ORF-Betrieben, wie an Werbemittlern und Onlinedienstleistern beteiligt ist. Dies wird bedeutend weniger diskutiert, ist erheblich weniger bekannt als der Kotau von Politikern vor Hans Dichand - aber demokratiepolitisch mindestens so problematisch.

Zusammentragen der Puzzlesteine

Ein Zusammentragen der Puzzlesteine ist also notwendig, um sich ein realistisches Bild zu machen. Harald Fidler, Medienredakteur des STANDARD und Autor einschlägiger Sachbücher, hat jetzt "Österreichs Medienwelt von A bis Z" kompakt zusammengefasst. Zwischen "Abzockfernsehen" (= Rundfunkshows, bei denen das Publikum aufgefordert wird, Mehrwertnummern anzurufen) und ZVB (= Holding der reichweitenstärksten österreichischen Magazine, bei der Raiffeisen Mitbesitzer ist) tun sich hier die Zusammenhänge der österreichischen Medienwirtschaft und -politik auf. Durchwegs kenntnisreich und engagiert werden hier nicht nur Fakten aneinandergereiht, sondern auch historische Entwicklungen - etwa der sogar im Weltmaßstab beeindruckenden österreichischen Medienkonzentration - deutlich. Gut gelungen ist die grafische Gestaltung wie etwa der Gegenüberstellung von Reichweiten oder der Erscheinungsdauer der Tageszeitungen.

Fidler ist hier ein Hybrid zwischen Lexikon und Sachbuch gelungen: Alphabetisch und farbcodiert werden wesentliche Begriffe aus dem österreichischen Mediensystem erklärt. Schwerpunkte, wie etwa "Formil", "Krone" oder "ORF", ergeben jeweils abgeschlossene faktenreiche Kapitel, die flott geschrieben sind.

Kein trockenes Nachschlagewerk


Damit ist auch ein Einwand gegen das Verfassen von Lexika im Zeitalter des World Wide Web entkräftet: "Googeln" lassen sich mit vertretbarem Aufwand vor allem jene Sachgebiete, über die man schon etwas Bescheid weiß. "Österreichs Medienwelt" zielt damit auf Interessierte, die wissen möchten, wie und auch warum die österreichische Medienlandschaft so gestrickt ist, wie sie eben ist. Kein trockenes Nachschlagewerk also und auch keines, das sich um jeden Preis unparteiisch gegenüber Medienbürokratien wie dem ORF gerieren will. Zwangsläufig ist es auch nicht vollständig: "Medienethik" oder "Qualität" werden eher indirekt als explizit abgehandelt. (Wer aber unter "Medienrecht" oder "Paparazzi" nachsieht, wird auch hier fündig.)

Harald Fidler, erklärt in der Einleitung, er habe das Buch geschrieben, um ohne langes Suchen Aspekte in jenem Themengebiet zu finden, das er schon in zwei Büchern behandelte. Das ist auch ein gutes Argument selbst für Leser, die bereits dem Trend zum Drittbuch im Themenbereich Massenmedien nachgegeben haben. Empfehlen sollte man das Buch auch jenen, die glauben, der Mediensektor eröffne ihnen gleichzeitig den Weg zu Bekanntheit und Reichtum (gerade verspricht eine Reifenfirma (!) per Plakat, Jugendliche zum Rundfunkmoderator bei Kronehit zu promoten). Vielleicht macht auch die in "Österreichs Medienwelt" wiedergegebene Aussage von Styria-Chef Pirker nachdenklich, mit der er Wolfgang Fellners Gedankengänge interpretierte: "Wenn ich dem Trottel Leser eine goldene Uhr schenke, wird er mein Scheißblatt schon kaufen".

Wie auch immer: Zusammenstellen muss man sich die dargereichten Puzzlestücke als Leser schon selbst. Das macht den Charme dieser Darstellung aus und wird deshalb ihren Informationswert auch über die demnächst ins Haus stehende Medienfusion und den nächsten journalistischen Tabubruch hinaus erhalten.(Roman Hummel, DER STANDARD/Album, Printausgabe, 22./23.11.2008)

Zum Autor
Univ.-Prof. Dr. Roman Hummel ist Leiter der Abteilung Journalistik am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Salzburg.

Zum Thema
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  • Harald Fidler, "Österreichs Medienwelt von A bis Z" € 48,- / 632 Seiten, Falter Verlag, Wien 2008. Webseite zum Buch: http://dieMedien.at
    foto: falter verlag

    Harald Fidler, "Österreichs Medienwelt von A bis Z" € 48,- / 632 Seiten, Falter Verlag, Wien 2008. Webseite zum Buch: http://dieMedien.at

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