"So etwas wie Peak Oil gibt es nicht"

21. November 2008, 14:32
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Rohstoffexperte Eugen Weinberg im derStandard-Interview

derStandard.at: Sie haben recht zuverlässig vorausgesagt, dass der Ölpreis wieder deutlich sinken werde. Überrascht Sie das Ausmaß?

Eugen Weinberg: Wir haben in der Tat sehr gut sowohl preislich als auch zeitlich die Spitze am Ölmarkt vorausgesagt und vor den Risiken gewarnt. Vom Ausmaß des Verfalls sind wir dennoch etwas überrascht, wir haben noch im Sommer eine Korrektur bis höchstens 80 Dollar gesehen.

derStandard.at: Jetzt sind wir bei 50 Dollar.

Weinberg: Zu diesem Zeitpunkt war das Ausmaß der Wirtschaftskrise nicht vorhersehbar. Außerdem gilt am Finanzmarkt: "Je größer die Übertreibung nach oben, desto stärker die anschließende Übertreibung nach unten".

derStandard.at: Nun gab es immer wieder Zweifel am (hohen) Spekulationsanteil am Ölpreis. Ist dieser mit dem jüngsten Sturz des Rohölpreises nun ausgeräumt?

Weinberg: Ich denke, jetzt müssen auch die letzten Zweifler einsehen, dass die Finanzanleger einen starken Einfluss auf die Rohstoffmärkte haben. Bei Rohstoffen und insbesondere bei Rohöl sind aufgrund der hohen Liquidität aus den Wirtschaftsgütern mehr und mehr Finanzanlagen geworden. Die Preise bewegen sich kurz- bis mittelfristig hauptsächlich durch die Handlungen der Anleger. Deswegen spielen auch die Ängste der Anleger, fallende Aktienmärkte und der US-Dollar eine stärkere Rolle als zum Beispiel die OPEC-Aktionen.

derStandard.at: Als Grund für den steigenden Ölpreis wurde immer die Verknappung der Ressourcen genannt. Warum lässt dieses Argument derzeit offenbar den Markt völlig kalt?

Weinberg: Unter anderem auch, weil sich das Nachfragewachstum dramatisch verlangsamt hat und somit die Suche nach neuen Reserven. Außerdem haben die Marktteilnehmer mittlerweile verstanden, dass es so etwas wie "peak oil" nicht gibt, weil die Reserven eine Funktion der Preise sind. Bei einem höheren Preis sind mehr Reserven als vorher verfügbar und können wirtschaftlich abgebaut werden. Dennoch riskiert man derzeit aufgrund der Kreditklemme, schwindender Zuversicht bezüglich der künftigen Entwicklung der Ölpreise und niedriger Ölpreise, die notwendigen Investitionen nicht zu tätigen.

derStandard.at: Mit welchen Folgen?

Weinberg: Dies würde unsere langfristige Energieversorgungssicherheit bedrohen. Denn die großen Ölfelder wie Ghawar in Saudi-Arabien oder Cantarell in Mexiko sind alt. Pemex hat kürzlich bekannt gegeben, dass die Produktion auf Cantarell im nächsten Jahr weiter um 25 Prozent fällt. Was langfristig anstelle der Riesenölfunde tritt, ist angesichts der derzeitigen Krise unklar.

derStandard.at: Gibt es für den Ölpreis noch Spielraum nach unten?

Weinberg: Wir sind überzeugt, dass langfristig die Ölpreise wieder steigen werden. Kurzfristig kann man jedoch einen weiteren Preisverfall nicht ausschließen. Längerfristig ist der Ölpreis bereits sehr preiswert. (Regina Bruckner)

  • Eugen Weinberg ist Rohstoffexperte bei der deutschen Commerzbank. Das Platzen der Ölpreisblase hat er recht genau vorausgesagt.
    foto: commerzbank

    Eugen Weinberg ist Rohstoffexperte bei der deutschen Commerzbank. Das Platzen der Ölpreisblase hat er recht genau vorausgesagt.

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