China geht offensiv in die UN-Klimakonferenz

21. November 2008, 18:43
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Ab 1. Dezember sollen im polnischen Posen die Weichen für ein neues Klimaschutzabkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls gestellt werden

Peking/Neu Delhi - Ab 1. Dezember geht im polnischen Posen (Poznan) die heurige UN-Klimakonferenz über die Bühne, bei der die Weichen für ein neues Klimaschutzabkommen nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls werden sollen. Eine besondere Rolle kommt dabei China und Indien zu, die verstärkt die Industrieländer in die Pflicht nehmen wollen.

Chinas Forderungen

China geht mit einer neuen Strategie in die Konferenz: Statt wie früher defensiv zu argumentieren, dreht die viertgrößte Wirtschaftsmacht den Spieß um und geht offensiv mit Maximalforderungen in die Gespräche. Selbstbewusst fordert Peking die wohlhabenden Staaten auf, ihre Treibhausgase bis 2050 nicht nur um 50 Prozent, sondern vielmehr um 80 bis 95 Prozent verringern. Die entwickelten Länder seien ferner "verpflichtet", den Entwicklungsländern mit Technologietransfer und Geld beim Klimaschutz zu helfen. Zwischen 0,7 und 1,0 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes sollten die Industriestaaten dafür aufbringen.

Was eigene, vor allem bindende Grenzen für den Ausstoß von Treibhausgase angeht, gibt sich China wie auch der südliche Nachbar Indien kompromisslos. Für beide aufstrebenden Schwellenländer stehen wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung im Vordergrund. "Wir befinden uns auf einem Wachstumspfad", sagte unlängst der indische Handelsminister Kamal Nath. Und das bedeute nun einmal höhere Emissionen. Gleichwohl sei Indien als verantwortungsbewusstes Mitglied der internationalen Gemeinschaft bereit, auf Umwelt- und Klimaschutz sowie Energieeffizienz zu achten, so Nath weiter. "Doch unser Entwicklungsprozess darf dabei nicht blockiert werden."

Pro-Kopf-Ausstoß und Indien

Die Regierung in Delhi hat allerdings wiederholt bekräftigt, dass Indiens Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen den der Industrienationen nicht übersteigen werde. Derzeit seien die Bürger der OECD-Staaten für den Ausstoß von etwa 13,2 Tonnen umweltschädlichen Kohlendioxids verantwortlich, erklärt die indische Umweltrechtlerin Lavanya Rajamani. In Indien seien es nur 1,2 Tonnen pro Einwohner und Jahr. "Interessant an dieser Position ist, dass im Falle eines massiven Rückgangs des Pro-Kopf-Ausstoßes in den OECD-Staaten, Indiens Emissionen auf niedrigem Niveau bleiben würden", so Rajamani. Ein Erfolg hänge als von den Anstrengungen in den Industriestaaten ab.

Diese These stützt auch der indische Chef der Weltklimarates und Nobelpreisträger von 2007, Rajendra Pachauri. Um die Entwicklungsländer zu konkreten Zielen verpflichten zu können, findet Pachauri, müssten die Industriestaaten mit eigenen, weitreichenden Aktionsplänen vorangehen. Das sei bisher nicht geschehen.

Emissionen

Ohne China und Indien kann aus dem Klimaschutz im Rest der Welt aber nichts werden. Als größter Kohleverbraucher der Erde stößt China inzwischen genauso viel Treibhausgase in die Atmosphäre wie die USA, der größte Klimasünder. Tendenz steigend, denn bis zum Jahr 2030 könnten sich Chinas Emissionen sogar auf 3,1 oder bis zu 4,0 Milliarden Tonnen Kohlenstoff im Jahr verdoppeln, sagen chinesische Forscher voraus. Das wäre gut ein Drittel bis fast die Hälfte der heutigen weltweiten Emissionen von rund 8,5 Milliarden Tonnen.

Trotz dieser Zahlen versteckt sich China weiter hinter dem Grundsatz der "gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung". Die Industrienationen seien in der Pflicht, weil sie eine historische Verantwortung für die angesammelten Treibhausgase in der Atmosphäre tragen, heißt es aus Peking. Ohnehin liege der Pro-Kopf-Ausstoß im bevölkerungsreichsten Land der Erde nur bei einem Fünftel des US- Niveaus. Zudem seien 20 Prozent der Emissionen Folge der Produktion von Waren für den Export in reiche Staaten.

Extreme Wetterereignisse

Mit Untätigkeit würden sich China und Indien aber selbst schwer schaden, da sie besonders unter der globalen Erwärmung leiden. In einem Weißbuch warnt die Regierung in Peking vor "weitreichenden Auswirkungen" und "großen Verlusten für die nationale Wirtschaft". Die Zahl extremer Wetterereignisse wie heftige Regenfälle und Überschwemmungen einerseits und große Dürren andererseits werde in Zukunft weiter zunehmen. Die Schmelze der Gletscher im Himalaya beschleunige sich, so dass die Wasserreserven zurückgingen. Auch der steigende Meeresspiegel bedrohe die Küsten.

Indischen Experten stimmen diesen Prognosen zu. Und auch die Politiker haben erkannt, dass der Klimawandel eine Bedrohung für Land und Bevölkerung ist. Daher stellte Indien im Sommer erstmals einen Aktionsplan zum Kampf gegen den Klimawandel vor. Darin wird ein Schwerpunkt auf erneuerbare Energien wie Solarenergie gelegt. "Ich glaube, dass ökologisch nachhaltige Entwicklung nicht im Widerspruch zum Erreichen unserer Wachstumsziele stehen muss", befand Premier Manmohan Singh. Kritiker bemängeln jedoch, das der Aktionsplan keine konkreten Ziele für den Umwelt- und Klimaschutz definiert. (APA/dpa)

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