Nowotny sieht Raum für Zinssenkung

21. November 2008, 18:56
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Der Inflationsrückgang könnte die EZB zu einer weiteren Zinssenkung veranlassen, deutet Notenbank-Chef Ewald Nowotny an

Von staatlicher Unterstützung einzelner Branchen wie der Autoindustrie hält er nichts.

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Wien - Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Ewald Nowotny, sieht Spielraum für weitere Leitzinssenkungen der EZB, in deren Rat er Sitz und Stimme hat. Nachdem "die Inflation substanziell zurückgegangen ist, gibt es Raum" dafür, erklärte er am Freitag im Klub der Wirtschaftspublizisten in Wien.

Zur Höhe (zuletzt wurde der Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent gesenkt) wollte der OeNB-Chef naturgemäß nichts sagen. Dass die EZB die Zinsen schrittweise senkt, verteidigte er, es sei "richtig, nicht das ganze Pulver zu verschießen, weil niemand weiß, wie lange die Finanzkrise noch dauern wird" . Die Gefahr der Deflation (anhaltender, massiver Verfall des Preisniveaus) sieht Nowotny nicht: So weit werde die Inflation von mehr als drei Prozent nicht fallen, meinte er.

EU-Ja zum Bankenrettungspaket demnächst

Im Zusammenhang mit dem Bankenrettungspaket der Regierung, das noch von Brüssel abgesegnet werden muss, geht der Notenbankchef von einer Zustimmung in den nächsten zehn Tagen aus; von der Größenordnung her passe das Paket zu den Vorschlägen der EZB. Die vielfach kritisierten acht Prozent (die will die Erste Group dem Staat fürs Partizipationskapital zahlen) sind in seinen Augen kein Stolperstein; es gehe der Kommission "nicht um einheitliche Zinssätze, sondern um einheitliche Prinzipien" . Am wichtigsten erscheint ihm die Bedingung, dass ein Teil des Geldes für Kredite verwendet wird (bei der Ersten werden es sechs Milliarden Euro sein). "Das ist das allerwichtigste Konjunkturprogramm" , so Nowotny.

Er bezog sich auf aktuelle Erhebungen, wonach Kredite in Österreich eine größere Rolle spielten als Finanzierungen über den Kapitalmarkt (28 Prozent der Außenfinanzierung von Unternehmen kommen aus Banken, 21 Prozent aus börsennotierten Aktien, sechs Prozent aus Anleihen). Die Zinsen für Unternehmenskredite seien zuletzt (aber vor den Leitzinssenkungen) um ein halbes Prozent gestiegen. Die Kreditvergabe habe sich "kontinuierlich verschärft" , konstatierte Nowotny, allein im dritten Quartal 2008 seien die Zinsspannen für riskante Kredite zum fünften Mal angehoben worden.

Die vielgefürchtete "Kreditklemme" sei aber noch "jung: Der Umfang der Kredite hat sich ab dem zweiten Halbjahr reduziert" ; vor allem im Anlagebereich sei die Geldbeschaffung schwierig. Die Unternehmer selbst sahen das laut einer Umfrage von Ende Oktober noch entspannt: Die Hälfte der Befragten hat demnach keine Veränderung bei der Kreditvergabe wahrgenommen, 16 Prozent aber schon.

Die Konsumentenkredite seien im dritten Quartal um 0,34 Prozentpunkte auf 7,18 Prozent gestiegen, womit man unter EU-Schnitt (8,14 Prozent) liege. Die Einlagen (zwei Jahre Bindung) lägen bei 4,36 Prozent: auch über EU-Schnitt.

Krise hinterlässt Spuren

Die Krise hat laut OeNB-Zahlen schon ihre Spuren hinterlassen: Die Haushalte haben 24 Mrd. Euro an Bewertungsverlusten aus Aktien, Anleihen und Investmentzertifikaten verbucht, die Unternehmen allein zwischen Juli und August 2008 zwölf Milliarden. Nowotny: "Das wird sich in den Bilanzen niederschlagen."

Dass der Staat einzelnen Branchen (wie der Autoindustrie) unter die Arme greift, hält der OeNB-Chef übrigens nicht für erstrebenswert. "Ich würde vor einem kurzschlüssigen Vergleich mit der Bankenbranche warnen. Die Autoindustrie muss sich Gedanken über ihre strukturelle Entwicklung machen." Was Nowotny für sinnvoll hält: "Expansive Konjunkturprogramme und die Reduzierung der Energieabhängigkeit der EU." (gra, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.11.2008)

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    In Osteuropa sieht Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny noch immer die dynamischste Entwicklung innerhalb der EU. Man dürfe die osteuropäischen Länder nicht über einen Kamm scheren.

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