Bankriese Citigroup taumelt - 50.000 Stellen werden abgebaut

21. November 2008, 18:12
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Laut Medienberichten prüft der weltgrößte Finanzkonzern seine eigene Zerschlagung, das Top-Management sucht bei einem Krisentreffen nach einem Ausweg

New York - Vor ein paar Jahren wollte der damals größte Finanzkonzern der Welt die Deutsche Bank schlucken - jetzt prüft der taumelnde US-Riese Citigroup offenbar den eigenen Ausverkauf. Die Finanzkrise hat alles auf den Kopf gestellt. Milliardenverluste, Rekordabschreibungen und ein lebensbedrohlicher Kurssturz zwangen die einstige US-Ikone in die Knie. Böse Erinnerungen an die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers vor gut zwei Monaten werden wach: Die Bank ist zum Spielball der Börse geworden.

Zerschlagung wird geprüft

Der einst weltgrößte Finanzkonzern prüft unter dem Druck eines dramatischen Kurssturzes laut US-Medienberichten seine eigene Zerschlagung. Die von der Finanzkrise schwer getroffene US-Bank erwäge mehrere vor kurzem noch undenkbare Notfallszenarien wie den Verkauf von großen Teilen oder sogar des gesamten Konzerns.

Das Top-Management suche bei Krisentreffen nach einem Ausweg, berichtete am Freitag unter anderem das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Insider.

Citigroup-Chef Vikram Pandit sagte am Freitag in einer internen Telefonkonferenz laut US-Medien, er wolle den Konzern nicht zerteilen. Die Bank habe ausreichend Kapital. Das Hauptproblem sei die Gerüchteküche, so Pandit. Der Verwaltungsrat der Citigroup sollte den Berichten zufolge noch am heutigen Freitag über die Lage beraten.

Die Bank zählt schon bisher zu den weltweit größten Opfern der Finanzkrise mit Verlusten von insgesamt mehr als 20 Mrd. Dollar (15,9 Mrd. Euro) in zuletzt vier tiefroten Quartalen hintereinander.

Aktie stürzte ab

Die Citigroup-Aktie war am Donnerstag um 26 Prozent auf nur noch 4,71 Dollar eingebrochen - im Lauf der Woche stürzte sie sogar um 50 Prozent. Die dramatische Abwärtsspirale weckte Erinnerungen an den fast freien Fall von Bank-Aktien im September rund um die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers.

Die internen Überlegungen zu einer möglichen Zerschlagung sind laut Medien aber noch in einer frühen Phase. Ein Verkauf werde bisher nicht aktiv vorangetrieben, berichtete die "New York Times". Mögliche Partner für die Citigroup seien die beiden Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley, spekulierte das "Wall Street Journal". Der erst seit einem Jahr amtierende Pandit kommt angesichts der Probleme immer mehr unter Druck.

Mit über 200 Millionen Kundenkonten in mehr als 100 Ländern ist die Citigroup noch immer einer der führenden Finanzkonzerne der Welt.

Der Absturz an der Börse ließ sie aber gemessen am Marktwert unter den US-Instituten etwa auf Rang fünf abrutschen. Seit Anfang November verlor die Citigroup rund zwei Drittel ihres Börsenwerts. Auch das Vertrauenssignal des saudi-arabischen Multimilliardärs Prinz al-Walid Bin Talal, der am Donnerstag die Aufstockung seines Anteils von unter vier Prozent auf fünf Prozent angekündigt hatte, half zuletzt nicht.

Großangelegter Stellenabbau

Der taumelnde Bankenriese hatte erst am Montag den Abbau von mehr als 50.000 Stellen angekündigt. Insgesamt werden damit rund 75.000 der vor gut einem Jahr weltweit noch 375.000 Jobs gestrichen. Pandit verkauft zudem große Konzernteile - gemessen am Buchwert rund ein Fünftel der Bank. In Deutschland gab die Citigroup bereits vor einigen Monaten ihr Filialgeschäft ab.

Zahlreiche Analysten und Investoren hatten das Geschäftsmodell des auf so gut wie allen Feldern tätigen Finanzsupermarkts Citigroup immer wieder in Frage gestellt.

Erst vor knapp einem Jahr hatte der 51-Jährige Konzernchef Pandit in der Krise das Ruder des Dickschiffs übernommen. Eine Herkulesaufgabe für den als Technokrat geltenden Manager - nie zuvor führte er ein börsennotiertes Unternehmen. Die Verluste stiegen unter Pandit immer weiter. Und Experten erwarten noch mehr rote Zahlen. Die Bank gehört weltweit zu den größten Verlierern der Krise und ist in der globalen Rangliste von der Spitze um viele Plätze zurückgefallen.

Pandit ließ laut Medien zuletzt sogar einmal die Anzeige des sinkenden Citigroup-Kurses auf den TV-Schirmen der Bank abschalten. In echtem Galgenhumor hatten Mitarbeiter den Banken- Tanker bereits mit der untergegangenen "Titanic" verglichen.

In einem genau solchen Abwärtsstrudel hatten vor ein paar Wochen reihenweise US-Banken aufgeben und S.O.S funken müssen: Neben Lehman etwa auch Merrill Lynch, die einst größte US-Sparkasse Washington Mutual und die Großbank Wachovia.

Experte erwartet "sanfte Lösung"

Ein befürchteter Kollaps des Konzerns ist nach den weltweit katastrophalen Folgen der Lehman-Pleite für SEB-Chefvolkswirt Klaus Schrüfer kaum vorstellbar: "Es ist kein Zusammenbruch, sondern eine eher sanfte Lösung unter Beteiligung anderer Banken und des Staates zu erwarten", sagte er. Für viele US-Experten ist der noch immer globale Gigant mit mehr als 200 Millionen Kundenkonten in über 100 Ländern schlichtweg "too big to fail" - zu groß, als dass ihn die US-Regierung fallen lassen könnte.

Spekuliert wird bereits über eine Partnerschaft etwa mit einer der Investmentbanken Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Doch die beiden stecken nach Ansicht von Experten selbst in massiven Problemen und würden sich allenfalls Rosinen herauspicken wollen. Pandit schmettert derweil allen Unkenrufen weiter sein Credo entgegen: "Wir werden langfristig ein Gewinner der Krise sein." (APA/dpa-AFX/Reuters)

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