"Ich hab immer große Ohren gemacht"

20. November 2008, 22:37
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Ken Adam, der Filmwelten für James Bond, Stanley Kubrick oder "Tschitty Tschitty Bäng Bäng" erschuf und nun den "Lucky Strike Design Award" erhielt, im Interview

Bert Rebhandl traf den Designer und Oscar-Preisträger in Berlin.

Für einen Mann, der einen Ehrentitel der Königin von England trägt, wirkt Sir Ken Adam fast bubenhaft. Er trägt einen Cordanzug und Sneakers an einem Morgen im November in Berlin, als er sich der Presse stellt, weil ihm am selben Abend der mit 50.000 Euro dotierte "Lucky Strike Design Award 2008" der Raymond Loewy Foundation verliehen werden wird. Der 1921 in Berlin geborene renommierte Filmarchitekt und Set-Designer für zahlreiche James-Bond-Filme bekommt diese Auszeichnung für seine visionären Entwürfe.

Standard: Sir Ken, wir erleben gerade eine große Krise des Weltkapitalismus. Unweigerlich muss ich dabei daran denken, dass Sie für Goldfinger einen Set von Fort Knox entworfen haben.

Ken Adam: Der größte Goldschatz der Welt lagert dort, entsprechend sind die Sicherheitsmaßnahmen. Mir wurde erlaubt, das Gebäude von außen zu zeigen, ein eher langweiliges Art-déco-Ding aus den 20er-Jahren. Wir durften sogar einmal drüberfliegen. Hinein wurde niemand gelassen, worüber ich ganz glücklich war. Denn in der Bank of England habe ich einmal gesehen, dass Goldschätze eher mickrig aussehen. Das Metall ist so schwer, dass die Stapel recht niedrig sind und in langen Schächten lagern. Ich aber wollte eine Kathedrale aus Gold bauen, glänzend bis unters Dach, alles hinter Gittern - ein Goldgefängnis.

Standard: Sie haben damit einen Goldstandard gesetzt, der auf Täuschung beruht.

Adam: Ja, und die Geschichte geht noch weiter. Denn vor vier Jahren habe ich ein Videogame gemacht für Electronic Arts, in dem Fort Knox wieder eine Rolle spielte. Das hat alles gut funktioniert, nur habe ich statt der Dailies, also der täglichen Aufnahmen, die man beim Film zur Ansicht bekommt, immer wieder elektronische Dateien zugeschickt bekommen. Wie war ich überrascht, als ich sah, dass kein Gold da war! Alles war in Kisten verstaut. Man sagte mir, dass die Rechner mit dem Glanz und der Reflexion große Schwierigkeiten hatten. Es war nicht darstellbar. Inzwischen ginge das wohl, vor vier Jahren aber war Gold für die "computer generated images" noch zu edel.

Standard: Man könnte Sie mit einigem Recht als einen der letzten großen Designer des materiellen Zeitalters bezeichnen. Sie zeichnen von Hand, lassen Modelle bauen, aus denen riesige Filmsets werden. Häufig spielt dabei eine wichtige Idee der Moderne eine Rolle: Alles muss mehrere Funktionen haben - Autos, Billardtische, ganze Räume.

Adam: Sie spielen sicher auf den Rumpus Room aus "Goldfinger" an. Dazu muss ich sagen, dass das schon im Drehbuch stand, dass daraus eine Gaskammer werden sollte. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, aus naheliegenden familiären Gründen, denn wir mussten 1934 aus Berlin nach London fliehen, wo ich allerdings später meine Karriere begann.

Standard: Sie haben einmal gesagt: Es gibt nur noch wenige richtige Schurken, und ich habe für alle die Paläste gebaut: Dr. No, Goldfinger, Dr. Drax in Moonraker ...

Adam: Der springende Punkt ist, dass das natürlich nicht ganz ernst zu nehmen ist. Auf Englisch sagen wir: "tongue in cheek". Das war auch ein wesentlicher Teil des Erfolgs der Designs: dieses Missverhältnis zwischen den groben Betonklötzen der Schurken und den tollen historischen Teppichen und Gemälden, mit denen sie darüber hinwegtäuschen wollen, dass sie Neureiche und Emporkömmlinge sind. Deswegen hängen sie sich einen falschen Mantegna an die Wände und Botticellis "Primavera" - das ideale Unterwassermotiv. Die "Primavera" wird in die Höhe gezogen, der Blick auf den Ozean öffnet sich, und man sieht, wie die Sekretärin von einem Haifisch aufgefressen wird.

Standard: Sie haben Mitte der 50er-Jahre in London zu arbeiten begonnen, in einer damals noch sehr traditionellen Klassengesellschaft, die in dem Film "In achtzig Tagen um die Welt" noch intakt ist. Bald danach kam aber geradezu eine Explosion der Konsummoderne.

Adam: Das kann man nur vergleichen mit der großen Zeit in Berlin in den 20er-Jahren. Wir hatten kein Empire mehr, und die jungen Leute haben gesagt: "Zur Hölle mit dem Empire." Mary Quandt erfand den Minirock, in einem Land, das nie für Mode bekannt war. Die Beatles kamen aus Liverpool und erfanden die Popmusik neu. Es gab plötzlich Schauspieler aus der Working Class wie Terence Stamp oder Michael Caine. Es gab eine komplette Bewegung, die darauf zielte: Let's express ourselves. Ich war Teil dieser Bewegung, mit Haut und Haar.

Standard: Haben Sie denn auch noch persönliche Erinnerungen an das Berlin der 20er-Jahre?

Adam: Ich habe einen älteren Bruder gehabt, den ich sehr verehrt habe. Er war Oberprimaner, als ich Sextaner war. Er war mit Gottfried Reinhardt befreundet, dadurch habe ich Max Reinhardt und das Deutsche Theater kennengelernt. Die Schachspieler im Romanischen Café haben mich immer fasziniert. Wir durften als Kinder nicht ins Kino gehen, außer wenn es Chaplin-Filme gab, stattdessen hatten wir Kindergesellschaften mit Würstchen und Kartoffelsalat. Irgendwann habe ich einen Naturfilm namens "Chang" gesehen, der mich sensationell beeindruckt hat. Es gab darin ein Duell mit einer Python. Erst in England habe ich dann die großen deutschen Filme der Epoche gesehen: "Das Cabinet des Dr. Caligari" und "Dr. Mabuse". Sie haben mich enorm beeinflusst.

Standard: In London war Ihre Familie ein Teil der Emigrantenwelt.

Adam: Was für mich fast wichtiger war als meine Ausbildung, war der riesige Tisch, den meine Mutter aus Berlin mitgebracht hatte. Jeden Abend um sieben Uhr wurde gegessen. 26 Leute, die kamen aus allen Bereichen des Lebens, aus Wien, aus Berlin, aus Polen, aus Italien, alles Flüchtlinge, die ihre Geschichten erzählten. Ich habe immer große Ohren gemacht, das hat mich unheimlich beeinflusst, ich habe mehr davon gelernt, als ich jemals in einer Schule lernen konnte.

Standard: Sie waren eng mit Stanley Kubrick befreundet. Wie kam das?

Adam: Er hatte "James Bond jagt Dr. No" gesehen und fragte, ob ich an "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" mitarbeiten könnte. Zuerst war er fasziniert von meinen Kriegsabenteuern als Flieger. Er wollte ja Flieger werden, hatte aber dann einen Unfall. Da habe ich ihm von meinen Erfahrungen erzählt, und schließlich musste ich Erfahrungen erfinden, weil ich keine mehr zu erzählen hatte. Wir hatten einen ganz engen Kontakt, er war ein Mensch, der nie Ruhe gab, weil ihm immer noch eine bessere Lösung einfiel.

Standard: Wie kam es zu dem "War Room" in "Dr. Seltsam", der Ihr wohl berühmtester Entwurf ist?

Adam: Es gab ursprünglich eine ganz andere Lösung: eine Art Amphitheater mit zwei Ebenen. Kubrick sagte: Ich weiß nicht, was ich mit den Leuten auf dem zweiten Rang machen soll. Also habe ich neu nachgedacht und diesen Raum erfunden, der auf einem Dreieck beruht. Dreiecke sind die stärksten geometrischen Formen, hat Kubrick sofort gesagt. In diesem Raum steht dann fast einsam der runde Tisch. Fast alle meine Designs haben irgendwo einen Kreis. Der "War Room" ist auch eigenartig verschoben, er hängt zentralperspektivisch im Leeren, das macht ihn so beunruhigend.

Standard: Haben Sie je Lust verspürt, richtige Dinge zu entwerfen?

Adam: Wenn ich nicht so beschäftigt gewesen wäre mit einem Film nach dem anderen, dann vielleicht. Aber ich dachte damals nie wirklich konkret an so etwas. Die einzige kommerzielle Idee, die ich hatte, war die: In den Fünfzigerjahren gab es in England keine Cafés, und so habe ich in London eine der ersten Coffee-Bars eröffnet. Das hat sich in Windeseile weiterverbreitet. Könnten Sie sich heute London ohne Coffee-Bars vorstellen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2008)

 

Literaturtipp: "Ken Adams Designs the Movies: James Bond and Beyond" by Ken Adam and Christopher Frayling. Published October 2008 by Thames & Hudson.

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    Ken Adam und sein "War Room" aus "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben." (1963)

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