Nestroy-Preise zum neunten Mal verliehen

21. November 2008, 12:32
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"Ratten" beste Aufführung - Stefan Bachmann bester Regisseur - Schauspielpreise an Regina Fritsch und Markus Hering - Gert Jonke erhielt Autorenpreis

Wien -  Im Wiener Ronacher ging am  Donnerstagabend die Verleihung der "Nestroy"-Theaterpreise über die Bühne. Mit der bereits zum neunten Mal vergebenen Auszeichnung werden in elf Kategorien die besten Leistungen der vergangenen Saison auf österreichischen Bühnen sowie die "Beste deutschsprachige Aufführung" gewürdigt. Durch den Abend im Bühnenbild des Broadway-Hits "The Producers" von Mel Brooks führte heuer im Alleingang Burgtheater-Mimin und "Nestroy"-Preisträgerin Maria Happel.

"Irgendwann kriegt sie jeder Arsch"

Nach einem turbulenten Auftritt, in dem ein Double von Happel im Abendkleid über die Showtreppe purzelte und die "richtige Happel" im Dirndl singender Weise die Bühne betrat, begrüßte die Burgschauspielerin unter anderem ihre "lieben Brüder und Schwestern im Geiste" und freute sich, an "viele von euch heute den Nestroy zu verleihen". Und gab ein Zitat von Billy Wilder zu Besten, das aus dem Original-Buch von Franzobel stammt: "Auszeichnungen sind wie Hämorrhoiden. Irgendwann kriegt sie jeder Arsch."

Den "Nestroy" für die beste Nebenrolle nahm André Pohl für seinen Auftritt in Horvaths "Der jüngste Tag" im Theater in der Josefstadt entgegen. Er setzte sich damit gegen die beiden anderen Nominierten Udo Samel (für Simon Stephens' "Motortown" im Akademietheater) und Johannes Krisch ("Freier Fall" von Gert Jonke, der heute den Autorenpreis erhält, ebenfalls Akademietheater) durch.

Bester Regisseur

Als bester Regisseur wurde Stefan Bachmann für die Inszenierung von Wajdi Mouawads "Verbrennungen" im Akademietheater ausgezeichnet. Er bedankte sich für das "schöne Willkommensgeschenk. Ich bin vor zwei Wochen mit meiner Familie hierhergezogen. Hätte ich den Nestroy nicht bekommen, wäre ich gleich wieder abgereist", scherzte er. Leer ausgegangen sind Christiane Pohle ("Freier Fall", Akademietheater) und Nicolas Stemanns "Räuber"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen in einer Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg.

Spezialpreis an Schauspielhaus-Leiter

Nach dem zügigen Auftakt gab Happel den idealen "verkehrten Lebenslauf" vom Altersheim über die Jahre vor der Pension über das Arbeitsleben, Studium und Schule zum Besten, der als geliebtes Kleinkind und schließlich in einem "Höhepunkt" endet und überreichte den Spezialpreis an Schauspielhaus-Leiter Andreas Beck, der für den "fulminanten Neustart" seines Hauses nominiert war.

"Wir sind ein Ensemble-Theater und wir haben dieses erste Jahr gemeinsam gemacht", dankte Beck in seiner Rede. Genau heute vor zwei Jahren habe ihn Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny angerufen, um ihm den Job anzubieten, übermorgen vor einem Jahr feierte man mit "hamlet ist tot" die erste Premiere im Schauspielhaus. Durchgesetzt hat sich Beck bei der Jury gegen Hans Escher und Bernhard Studlar (wiener wortstätten) und Suse Wächter, die für die Puppengestaltung am Schauspielhaus Graz zuständig ist.

Autorenpreis

Den Autorenpreis für das beste Stück erhielt zum bereits dritten Mal Gert Jonke für "Freier Fall", inszeniert von Christiane Pohle am Akademietheater. Joachim Lux, Chefdramaturg des Burgtheaters und ab der nächsten Saison Intendant am Thalia Theater Hamburg sowie
Herausgeber des jüngst erschienenen Jonke-Sammelbands "Alle Stücke", hielt die Laudatio. Jonke sei zu danken, "weil du den Traum vom Fliegen weiterträumst. Du gibst uns Ahnung von der Freiheit, die es vielleicht nie gegeben hat, ohne die wir aber nicht leben wollen", so
Lux. Jonke sei ein "politischer Poet, auch wenn er nicht zu jedem tagespolitischen Ereignis den Mund aufmacht." Der Autor bedankte sich mit einer "Theateranekdote", nämlich jenem Text vom "einäugigen Zwillingsbruder", den Jonke bereits in mehrere Texten verarbeitet hat. 

Ausstattung

Den Preis für die beste Ausstattung erhielt Viktor Bodo für "Alice" nach Lewis Carroll am Schauspielhaus Graz. Anna Badora, Intendantin den Schauspielhauses Graz, nahm den Preis stellvertretend für Bodo entgegen, der für Endproben eines neuen Stücks in Budapest weilt. Leer ausgegangen sind Hyun Chu für Goethes "Clavigo" im Volkstheater und Rolf Langenfass für "Nächstes Jahr - gleiche Zeit" von Bernard Slade in den Kammerspielen.

Nachwuchspreise

Den Nachwuchspreis an Sebastian Wendelin überreichte Vorjahres-Gewinnerin Katharina Straßer. "Jetzt hab ich's doch geschafft, wenn auch ein Jahr zu spät", so Straßer, die damals während der Verleihung auf der Bühne des Volkstheaters gestanden war. "Ich nehme diesen Preis sehr gerne an, weil ich muss ja keine Stellung nehmen zum österreichischen Fernsehen. Aber das ist egal, die Theaterlandschaft ist ja besser gestellt", spielte Wendelin auf Marcel Reich-Ranickis Kritik beim Deutschen Fernsehpreis an. Der Schauspieler, der gleich für mehrere Rollen im Rabenhof-Theater ("Der junge Till" von Gregor Barcal und Alex Scheurer sowie in mehreren Rollen in "I Furiosi" nach Nanni Balestrini) ausgezeichnet wurde, setzte sich gegen seine Kollegen Ewald Palmetshofer (als Autor für "wohnen.unter.glas" am Schauspielhaus nominiert) und Jette Steckel (als Regisseurin von "Die Kaperer", Schauspielhaus) durch.

Off-Produktion

Volker Schmidt wurde für die Inszenierung seines Schul-Amoklauf-Stücks "komA" mit dem Preis für die beste Off-Produktion ausgezeichnet. Für die Koproduktion der New Space Company und Dschungel Wien hatte er noch gemeinsam mit dem verstorbenen Regisseur Georg Staudacher zusammengearbeitet, den er in seiner Dankesrede in den Mittelpunkt stellte. Überreicht wurde die Auszeichnung vom Vorjahresgewinner, dem Wiener Theatermacher Markus Kupferblum. "Der Kopf und Initiator dieser Produktion sieht dieser Gala von einer Loge aus zu, von der man nicht so leicht auf die Bühne zurückschauen kann", so Schmidt über seinen Freund und Kollegen Staudacher, der "hier mit mir hätte stehen sollen".

Beste Hauptrollen

Mit einer humorvollen Abhandlung über "typische Wiener Namen" (allesamt mit slawischem Einschlag) und dem Wink, dass Menschen mit Namen wie "Hering, Koch und Weiss zugereist" sein müssen, leitete Happel zu den Nominierten zum besten Schauspieler über. Markus Hering erhielt den "Nestroy" als bester Schauspieler für seine Rollen als Hermile in "Verbrennungen", Erich in "Freier Fall" und C in "Pool (kein Wasser)" von Mark Ravenhill am Akademietheater. In seiner Dankesrede spielte Hering auf die Live-Übertragung auf TW1 an: "Theater im Wetterkanal, ist das fürs Klima wichtig?". Nach missglückten Versuchen einiger Werbeeinschaltungen rief er jenen Autor zu Hilfe, dem er diesen Preis unter anderem verdankt: "Ich werde was improvisieren müssen - Gert! Schreib mir was!" Neben Hering waren Roland Koch (als Franzeck in "Die Probe" von Lukas Bärfuss, Akademietheater) und Samuel Weiss (als Seth Regan und Mickey Nestor in "Harper Regan" von Simon Stephens bei den Salzburger Festspiele in Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg) nominiert.

"Nun komme ich zu einer für mich sehr schwierigen Situation", so Moderatorin Maria Happel im Kostüm der Maria Theresia, als es daran ging, die beste Schauspielerin zu küren. "Die Königin der Schauspielerinnen, das schaffe ich nur als Kaiserin." Zur besten Schauspielerin wurde Regina Fritsch als Nawal in Wajdi Mouawads "Verbrennungen" gewählt. Sie setzte sich damit gegen ihre Kolleginnen Sandra Cervik (nominiert mit den Frauenrollen in Schnitzlers "Reigen", Theater in der Josefstadt) und Andrea Wenzl (mit ihrer "Alice" am Grazer Schauspielhaus) durch.

Zadeks Abwesenheit

"Hier kommt Gott", kündigte Happel die Verleihung des "Nestroys" für das Lebenswerk an Peter Zadek (82) an. Aber Gott sei überall und derzeit eben bei den Proben seines neuen Stücks in Zürich. Zadeks Abwesenheit nützte Laudator Matthias Matussek für einen sehr persönlichen Streifzug durch Zadeks Karriere und Leben. "Du bist aus Prinzip nie in dem Verein, der dich aufnehmen will. Du bist immer gleichzeitig drinnen und draußen", so der ehemalige "Spiegel"-Kulturchef über den Geehrten. Der Lebenspreis komme angesichts des bisher Geleisteten und der zahlreichen Pläne für die Zukunft gleichzeitig zu früh und zu spät. Es folgte eine umfangreiche Videozuspielung mit zahlreichen Szenen aus Zadek-Inszenierungen quer durch die Jahrzehnte, durchsetzt von Kommentaren des Regisseurs zu den Stücken und zum Leben. Die letzte Wortmeldung passte dann auch zur vorher geäußerten Hoffnung Matusseks, dass Zadek noch viele Ideen verwirklichen möge: "Solange ich nicht verblöde, wird es hoffentlich so weitergehen".

Deutsches Theater Berlin

Zur "Besten deutschsprachigen Aufführung" wurde Michael Thalheimers Version von Gerhart Hauptmanns "Ratten" am Deutschen Theater Berlin gewählt. Das Hamburger Thalia Theater mit "Das letzte Feuer" von Dea Loher in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg und die Münchner Kammerspiele mit Stefan Puchers Shakespeare-Inszenierung "Der Sturm" hatten das Nachsehen. Mit "Schluss für heute" bat Maria Happel alle Preisträger auf die Bühne und meinte: "Ich hoffe Franzobel hängt mich nicht, weil ich so viel geändert habe, aber ich werde ihm ein Los der Österreichischen Lotterien schenken." Womit Happel dem Sponsor des Abends indirekt das letzte Wort überließ.  (APA)

Die Nestroy-Gala im Fernsehen

Liveübertragung der Gala ab 20.15 Uhr auf TW1 - um drei Stunden zeitversetzt (ab 23 Uhr)  in ORF 2 - Europaweit am Sonntag, 23. November,  auf 3sat (11.30 Uhr).

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    Nachwuchs-Preisträger Sebastian Wendelin und seine Laudatorin, die Vorjahres-Gewinnerin Katharina Straßer

  • Stefan Bachmann wurde für die Inszenierung von Wajdi Mouawads "Verbrennungen" im Akademietheater ausgezeichnet.
    foto: standard/urban

    Stefan Bachmann wurde für die Inszenierung von Wajdi Mouawads "Verbrennungen" im Akademietheater ausgezeichnet.

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