Stenzels "Alleingang" und der Plachutta-Zubau

20. November 2008, 20:15
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Opposition wurde nicht eingebunden, Anrainer des Tafelspitz-Restaurants fürchten mehr Lärm

Wien - Der erste Wiener Gemeindebezirk scheint ein gutes Pflaster für Mario Plachutta zu sein. Zumindest erweitert der Gastronom fleißig sein Imperium: In der Walfischgasse lässt er zwei Lokale zu einem zusammenlegen: Dort will er künftig aber weder italienisches wie im "Mario" noch den altbewährten Tafelspitz anbieten. "Zeitgemäße, aber trotzdem authentische Wiener Küche ohne Interpretationen" will er ab 2009 seinen Gästen servieren.

An der Plachutta Hauptadresse in der Wollzeile lässt der Hausherr einen Glas-Wintergarten an das Lokal bauen. Es werde Platz für 50 Gäste "und nicht mehr geschaffen", beteuert Plachutta im STANDARD-Gespräch.

Kein Bezirksbeschluss

So mancher Anrainer, wie etwa Ulrike Datlinger, glaubt das nicht: "Wir vermuten, dass da Platz für noch mehr Leute sein wird. Das bedeutet noch mehr Lärm." Empört zeigt sich Datlinger darüber, dass sie als Anrainerin keine Möglichkeit hatte, Stellung zu dem Bauvorhaben zu nehmen, obwohl das rechtlich vorgesehen ist. Laut Baupolizei habe es einen Aushang gegeben - den Frau Datlinger aber nie gesehen hat. Plachutta: "Wir haben uns an die Gesetze gehalten." Rainer Fussenegger von den Grünen wirft sowohl Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel (VP) als auch der MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung) vor, Mario Plachutta bevorzugt behandelt zu haben. "Es herrscht Konsens darüber, dass Wintergärten im Straßenraum nicht genehmigt werden", sagt Fussenegger. Über Ausnahmen stimmt vorher die Bezirksentwicklungskommission ab. Bei Plachuttas Wintergarten sei das nicht der Fall gewesen. Fussenegger fühlt sich gefrotzelt. Denn keine geringere als Stenzel hat bestimmt, dass sich die Bezirksentwicklungskommission auch mit der Genehmigung von Schani- und Wintergärten befassen soll. Präsentiert hat sie die Neuerung vor eineinhalb Jahren, ausgerechnet im Plachutta.

Stenzel bezeichnet die Grünen Vorwürfe als "Profilierungsversuch" der politischen Mitstreiter. "Es spricht nichts dagegen, dass sich die Kommission damit befasst", sagt Stenzel lapidar. Verhindern könne man einen Schanigarten damit aber nicht.

"Die Kommission hätte dagegen gestimmt und das weiß Frau Stenzel. Sie wäre auch parteiintern auf Widerstand gestoßen", vermutet Fussenegger. Der Kommission seien die Pläne vor zwei Tagen doch noch präsentiert worden - "überraschend", sagt Daniela Stepp (SP), Bezirksvorsteher-Stellvertreterin. "Jetzt ist es aber zu spät." Plachuttas Wintergarten sperrt Ende November auf. Stenzels Vorgehen sei wieder einmal ein "Alleingang", was Stepp nicht nachvollziehen kann. Denn über den Wintergarten des Café Landtmann habe die Kommission auch beraten - und zugestimmt.

Über Stenzels Alleingänge, gegen die "Verslumung" und "Verlederhosung" der Inneren Stadt erregen sich die anderen Fraktionen schon seit Langem. Zuletzt sorgte die VP-Politikerin für Verwunderung, als sie die Bezirksfestwochen, die im Frühjahr stattfinden, in den September verlegte. Außerdem nannte sie sie in "City-Festwochen" um. Kuratoren sollten die Festivitäten organisieren. Normalerweise beschäftigt sich damit die Kulturkommission des Bezirkes. Was am Ende herauskam: Der erste Bezirk ist heuer der einzige, der weder Bezirks-, noch City-Festwochen hatte. Um Informationen zu bekommen, müsse die Opposition Anträge in Bezirksvertretungssitzungen stellen, sagt Stepp. "Stenzels Intransparenz ist fatal, weil das negativ für den Bezirk ist." (Marijana Miljkovic, DER STANDARD - Printausgabe, 21. November 2008)

  • Plachuttas Wintergarten in der Wollzeile erregt die Gemüter: Sowohl Anrainer als auch die Grünen sind dagegen.
    foto: standard/matthias cremer

    Plachuttas Wintergarten in der Wollzeile erregt die Gemüter: Sowohl Anrainer als auch die Grünen sind dagegen.

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