Kussverbot: Verlassene Jugend

20. November 2008, 19:39
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Niemand schreit auf, kaum jemand stößt sich daran, dass die Jugend von heute vorwiegend in Schulen von gestern sitzt

Als ob es in der Schulpolitik keine anderen Probleme zu bewältigen gäbe: Da kämpfen Schulfunktionäre und Pädagogen mit Verve gegen Teenager-Küsse, bauchfreies Outfit und um Kruzifixe in Kindergärten - all das übrigens im schönen Oberösterreich, wo man von katholischer Moral noch etwas zu verstehen scheint.

Die Schüler wehren sich tapfer im aktuellen Kuss-Anlassfall - mit Kampfschmuse-Aktionen und Protestschreiben. Die politischen Parteien hatten dagegen nichts zur Sache zu sagen - mit Ausnahme des BZÖ, das den Kindern das Schmusen erlauben will, weil es ja auch in Gefängnissen Kuschelecken gebe. Abseits billiger Polemik sind die konkreten Anliegen von Jugendlichen offenbar zu minder, um politisch unterstützt zu werden. Die Grünen, die sich in wilderen Zeiten durchaus selbst zum Schmus-in vor die betreffende Hauptschule begeben hätten, blieben so passiv wie die SPÖ, und für die ÖVP ist die Welt sowieso in Ordnung, auch wenn die eigene Parteijugend sehr wohl fürs Küssen ist.

Das Verhalten der Parteienvertreter zeigt die Ignoranz, mit der auf allen Ebenen mit Österreichs Jugend umgegangen wird. Die Ideen- und Mutlosigkeit von Rot und Schwarz in Sachen Bildungsreform ist ebenso erbärmlich wie die Passivität der Opposition. Niemand schreit auf, kaum jemand stößt sich daran, dass die Jugend von heute vorwiegend in Schulen von gestern sitzt. Den heute Mächtigen ist die Zukunft des Landes offenbar herzlich egal. Wenn "die Jugend" dann extreme Wahlentscheidungen trifft, ist man erstaunt und "besorgt" . Das war's dann, und Österreichs Jugend bleibt weiter verlassen. (Petra Stuiber/DER STANDARD-Printausgabe, 21. November 2008)

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