Schalk im Nacken: "Heart On"

20. November 2008, 19:09
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Das kalifornische Duo Eagles Of Death Metal mit Josh Homme von Queens Of The Stone Age beschreitet mit feistem Partyrock den schmalen Grat zwischen Sexiness und Blödelei

Dass in diesen beiden jungen, weißen, privilegierten Männern irgendwo tief drinnen selbstverständlich wie in allen jungen, privilegierten, weißen Männern ein Schmerz wohnt, der sich nur schwer von Sex, Drogen und Musik sedieren lässt, wird uns erst beim neunten Stück bewusst. How Can A Man With So Many Friends Feel So All Alone, ein zurückgelehnter Südstaatenrocker wie ihn die Rolling Stones vor 40 Jahren nicht besser hinbekommen hätten, verhandelt seine Titelzeile geradezu exemplarisch. Die Eagles Of Death Metal können nicht nur feste Partys feiern. Das haben sie in der Vergangenheit nachdrücklich bewiesen - und man sieht es ihnen auch an. Man neigt trotz Schalks und Kampfs gegen Nachdurst im Nacken auch zwischendurch zur Ernsthaftigkeit.

Heart On, das dritte Album des kalifornischen Duos, macht bei diesem Stück also einmal Pause, holt Atem, sieht sich um. Und es sieht nur Sperrstunde, auf die Bar gestellte Hocker und missmutige, abgelebte Kellner. Zeit, dorthin zu gehen, wo niemand mit der Schelte wegen überzogener Lebensfreude wartet. In ein Haus, das niemand Heim nennt.

Joshe Homme, der Mann, der hauptberuflich der derzeit innovativ weltweit führenden Heavyrockband Queens Of The Stone Age vorsteht, hat sich bei den neuen Songs seines gemeinsam mit Jesse Hughes betriebenen Freizeitprojekts Eagles Of Death Metal allerdings keineswegs nur auf introspektive Lebensbilanzen versteift. Das wichtigste Kriterium des Halunkenduos ist nach wie vor die extrem schmale Spanne zwischen Sexismus und Sexiness. Blödelei lugt ebenfalls durch die Studiotür.

Nach den Vorgängerarbeiten Peace Love Death Metal sowie Death By Sexy inklusive des heimlichen wie schwer inkorrekten Welthits I Want You So Hard hat man sich musikalisch zwar wiederum einer derben wie bodenständigen Neusichtung des Glam- und Glitter-Boogierocks von Marc Bolan und T. Rex gewidmet, allerdings geraten die schmalen wie wuchtigen Hardrock-Arrangements unter der Produktionsregie von Josh Homme durch Studio-Larifari, fistelnde Männerchöre und mit allerlei Effekten verzierte Ausdrucksgitarren dieses Mal ziemlich spacig.

Auf die Nuss gibt es mit programmatischen Stücken wie I'm Your Torpedo und (I Used To Couldn't Dance) Tight Pants oder High Voltage trotzdem ordentlich. Zum Heulen lustig auch der offenbar Axl Rose gewidmete Dschungelbeat-Brüller Wannabe In L.A. ("I came to L. A. to make Rock 'n' Roll. Along the way I had to sell my soul.") oder der solistische Liebesakt Solo Flights: "Nobody does me like I do!" Ein Lied aus uralten Zeiten männlicher Selbstbestimmung.

Wo bei den Queens Of The Stone Age zwischendurch auf jeden Fall auch sittlicher Ernst regiert, herrscht bei den Eagles Of Death Metal eine heitere Form moralischer Zügellosigkeit, die man sonst gegenwärtig nur mehr bei den rüstigen alten Männern AC/DC findet, wenn diese mit 60 Erdenjahren noch immer die "Schulmädchen" anweinen. Was heute gern vergessen wird: Rock 'n' Roll ist im Zweifelsfall eben doch eine Kinderjause. Jesse "Boots Electric" Hughes, der Mann, der aussieht, als wäre sein Traumberuf einmal wahlweise Frauenarzt oder Pornodarsteller gewesen, und Joshua "Baby Dick" Homme mögen mit dieser ihrer Kunst zwar nicht unsere Herzen gewinnen, die niederen Instinkte hinten im Kleinhirn haben sie aber auf jeden Fall auf ihrer Seite. Rock on! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2008)

 

Eagles Of Death Metal - Heart On (V2/Universal)

  • Die Eagles Of Death Metal aus Kalifornien: Josh Homme (links) und Jesse Hughes retten den Rock mit politisch äußerst inkorrekten Mitteln. 
 
 
    foto: v2


    Die Eagles Of Death Metal aus Kalifornien: Josh Homme (links) und Jesse Hughes retten den Rock mit politisch äußerst inkorrekten Mitteln.

     

     

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