"Bücher sind wie Menschen. Sie sind nicht gern allein"

20. November 2008, 18:38
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Am Mittwoch wurde Wiens erste Buchmesse eröffnet

Wien - Mittwochabend im Messegelände, HalleB: Zumindest der Rednerreigen zu Beginn der ersten Buchmesse in Wien hatte Frankfurter Dimensionen: Nach Matthias Limbeck von der Reed Exhibition begrüßte Alexander Potyka vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels die Anwesenden. Es folgten Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny, Kunstministerin Claudia Schmied und Bundespräsident Heinz Fischer, bevor Autor Ilija Trojanow zu einer Erzählung ansetzte, in der ein Augustin-Verkäufer und "Memory-Man" durch vier Sternstunden der k. u. k. Geschichte führt.

Nicht jeder Kreislauf hielt dem stand, war doch die Mehrzahl des Publikums auf Stehplätze rund um das Podium in einer Ecke der Halle verwiesen. Eine Besucherin fiel denn auch bewusstlos zu Boden, verletzte sich am Kopf.

Noch ist, wie bei jeder Neugründung, manches unausgereift an der Buchmesse. Wenigstens die vom Bundesministerium für Kunst geförderte Zusammenarbeit mit den Schulen scheint bestens zu funktionieren, wie die von Schulklassen gefüllten Gänge der Messe am Donnerstag früh zeigen. Auch die Autoren auf der Bühne für Kinder- und Jugendliteratur lesen vor vollen Reihen. Hier scheint das Konzept der Messe zu greifen.

Freundlich und gut gelüftet präsentiert sich die Halle den Besuchern. Bei den anwesenden Verlegern in ihren schmucken Ständen überwiegt dennoch im Moment ein Ausdruck freundlicher Skepsis. Trauer über den Verlust des zentralen Standorts der Buchwochen in den knarzenden Gängen des neogotischen Rathauses ist bei allen hörbar. Und das nicht aus österreichischer Historismus-Sentimentalität, sondern aufgrund nüchterner wirtschaftlicher Erwägungen: Jenes Zufallspublikum, das einen Christkindlmarkt-Besuch mit einem schlendernden Gang durch die Buchwochen verband, um schließlich in einer der zahlreichen Buchhandlungen einzukaufen, kann es in der Messe nicht geben. Dorthin fährt, wer des Buches wegen kommt.

Weitere Irritationen beschreibt Annette Knoch von Droschl. Etwa die hohen Kosten: Habe sie im Rathaus ihre Bücher eingestellt und sei nach der Eröffnung zurückgefahren nach Graz, sei sie nun gezwungen, den Stand, dessen Miete an Frankfurter Preise erinnere, zu betreuen: Zur Standmiete addieren sich so drei Übernachtungen; mehrere tausend Euro insgesamt. Eine Zwickmühle, vor der viele österreichische Verlage stehen: Wünschen sie einerseits, auf der Messe präsent zu sein, fürchten sie doch die hohen Ausgaben.

Gemeinschaftsstände

Viele der von Alexander Potyka genannten 500 Editionen auf der Buchmesse beschränken sich daher auf einige unbetreute Regalmeter. So präsentiert der Stand der IG Autorinnen Autoren allein 130 Verlage. Und die großen deutschen Häuser, die in der Ausstellerliste aufscheinen - Kiepenheuer & Witsch, S. Fischer, dtv - begnügen sich mit einer gemeinsamen Wand, bestückt mit einigen Bänden.

"Alles hängt davon ab, ob das Publikum die Messe annimmt" , resümiert Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren die Haltung vieler. Das gilt für die Messe wie den schon bei der Litera beschworenen "Osteuropa-Schwerpunkt" , offensichtlich eine österreichische Buchmessen-Spezialität. (Cornelia Niedermeier / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2008)

 

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