Balkan: Streit um Genozidklagen

22. November 2008, 16:54
42 Postings

Zwischen Kroatien und Serbien verschärft sich der Ton - Der Internationale Gerichtshof hat sich in der kroatischen Genozid- Klage gegen Serbien für zuständig erklärt

„Serbisch-kroatischer kalter Krieg", „Rechtskrieg zwischen Serbien und Kroatien". So und ähnlich titelten serbische Zeitungen am Donnerstag, nachdem sich der Internationale Gerichtshof (IGH) in der kroatischen Genozid-Klage gegen Serbien für zuständig erklärt hatte. Serbien konterte sofort mit einer Gegenklage, ebenfalls wegen Völkermord und ethnischer Säuberung, die schon vorbereitet war, wie Außenminister Vuk Jeremic erklärte, und in Kürze beim IGH eingereicht werden soll.

Siebzehn Jahre nach der totalen Zerstörung von Vukovar seitens der von Belgrad kontrollierten jugoslawischen Armee - und dreizehn Jahre nachdem kroatische Streitkräfte rund 250.000 Serben aus Kroatien vertrieben haben - stehen die guten Beziehungen der zwei Staaten wieder im langen Schatten des Krieges. Das serbische Heer und zahlreiche serbische paramilitärische Einheiten töteten in Vukovar mehrere tausend Kroaten, über zwanzigtausend flüchteten aus der monatelang umkämpften Stadt, was in Serbien als „Befreiung" von Vukovar gefeiert wurde.
Mit der militärischen Operation „Oluja"(Sturm) machte Zagreb der serbischen Präsenz im unabhängigen Kroatien 1995 endgültig ein Ende, mehrere Tausend Serben wurden dabei getötet, rund 20.000 serbische Häuser in Brand gesetzt. Kritik an „Oluja" ist in Kroatien tabu, die Operation wird als Höhepunkt des Befreiungskrieges gegen die serbische Besatzungsmacht glorifiziert. Kroatische und serbische Opferzahlen stimmen natürlich nicht überein. In beiden Fällen erhob das UN-Tribunal für Kriegsverbrechen Anklagen gegen serbische und kroatische Offiziere.

"Legitime Aktion"

Die Gegenklage Serbiens sei unbegründet, erklärte der kroatische Präsident, Stipe Mesic, denn „Oluja" sei eine „legitime" Aktion der kroatischen Streitkräfte auf ihrem eigenen Territorium gewesen und könne mit den serbischen Verbrechen nicht verglichen werden. Serbiens Präsident, Boris Tadiæ, habe sich für serbische Verbrechen in Kroatien entschuldigt, sagte Vuk Jeremic, während Zagreb die Verbrechen auf der eigenen Seite verschweige. „Das ist eine Rückkehr in die 1990er-Jahre", erklärte Milorad Pupovac besorgt, Vorsitzender des Serbischen Volksrates in Kroatien. Statt die Vergangenheit zu bewältigen, befinden sich Serbien und Kroatien wieder auf Konfrontationskurs.
Geschäftsleute auf beiden Seiten bangen nun um ihr Business. Denn Serbien ist ein wichtiger Absatzmarkt für Kroatien, serbische Touristen kommen in immer größerer Anzahl an die kroatische Küste. Zwischen den beiden Staaten gibt es keine Visapflicht. In Serbien werden hitzige Stimmen laut, Kroatien gleich auch wegen des an Serben begangenen Völkermords während des Zweiten Weltkriegs zu verklagen. (Andrej Ivanji aus Belgrad, DER STANDARD, Printausgabe, 21.11.2008)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der verstorbene kroatische Präsident Franjo Tudjman in Vukovar.

Share if you care.