Hohe Barrieren im Tourismus

20. November 2008, 17:46
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Die Mehrzahl der österreichischen Tourismus­betriebe erschwert Menschen mit Behinderung den Aufenthalt – mit ernsten Folgen

Linz/Wien - Die Mehrzahl der österreichischen Tourismusbetriebe erschwere Menschen mit Behinderung den Aufenthalt - mit ernsten Folgen. "Statt in ihren Lieblingsort zu fahren, bleiben diese Menschen dann eben zu Hause oder reisen dorthin, wo sie ein adäquates Angebot vorfinden" , sagte der Experte für barrierefreien Tourismus, Peter Neumann, dem Standard.

Neumann, Autor mehrerer Bücher und Lehrbeauftragter an der Uni Münster, hielt sich am Donnerstag anlässlich der Fachtagung "Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit im Tourismus" in Linz auf. Seiner Ansicht nach lässt sich die Tourismusbranche durch Nichteingehen auf die Wünsche von behinderten Menden ein wachsendes Urlauberpotenzial entgehen.
Laut einer aktuellen Studie ist die Reiseintensität von Menschen mit Behinderung im Steigen begriffen. Waren es vor vier Jahren 54 Prozent der Befragten, die angaben, dass sie mindestens einmal pro Jahr eine längere Urlaubsreise gemacht haben, seien es aktuell knapp 60 Prozent. "Wenn Menschen mit Behinderung einen Urlaub machen, dann genauso lange wie alle anderen auch, da gibt es kaum Abweichungen" , sagte Neumann. Einziger Unterschied: Menschen mit Behinderung seien in der Regel älter und legten mehr Wert auf Erholung und Gesundheit als die Durchschnittsbevölkerung.

Wettbewerbsvorteile

Gerade was diese Präferenzen betreffe, habe Österreich Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Ländern, zumal es in der besagten Bevölkerungsgruppe eine klare Vorliebe für Nahziele gebe. Neumann: "Unsere Studien in Deutschland haben gezeigt, dass Menschen mit Behinderung Ziele bevorzugen, die sich mit dem Zug oder dem Auto erreichen lassen." Das sei neben Deutschland in erster Linie Österreich, wobei Österreich noch mehr gewinnen könne, wenn Barrieren beseitigt würden. Dazu zählten Drehtüren, zu schmale Eingänge oder fehlende Handläufe bei Aufgängen.

In einer früheren Studie hat Neumann herausgefunden, dass jeder zweite Mensch mit Behinderung häufiger verreisen würde, wenn es mehr Barrierefreiheit gäbe; 30 bis 40 Prozent gaben an, sie hätten wegen Barrieren schon auf Urlaub verzichtet.
Vorreiter auf dem Gebiet der Barrierefreiheit sei Japan, das schon seit Jahren mit einer Überalterung der Bevölkerung konfrontiert ist. Sofern schon bei der Planung auf Barrierefreiheit geachtet werde, hielten sich auch die Mehrkosten in einem durchaus vertretbaren Rahmen, sagte Neumann. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.11.2008)

 

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