Geoinformatiker dringend gesucht

20. November 2008, 15:49
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Beim weltweiten "GIS Day" soll Schülern die Zukunftsbranche schmackhaft gemacht werden - Hintergrund: Den Unternehmen fehlen qualifizierte Mitarbeiter

Salzburg – Szenen wie aus einem Computerspiel flimmern über die Leinwand im Vortragssaal im Salzburger "Techno-Z": Ein virtueller Rundflug im UFO durch die Straßenschluchten einer ebenso virtuellen Stadt. Etwa 200 Schüler verfolgen die Szene. "Stimmt schon, diese Stadt gibt es nicht wirklich", sagt Jürgen Döllner. "Aber es ist eine Stadt, die so in Asien einmal tatsächlich gebaut werden soll – zumindest wenn uns die Finanzkrise keinen Strich durch die Rechnung macht."

Reale und fiktive Landschaften

Döllner ist Professor für Computergrafische Systeme am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Beim jährlichen "GIS Day" versucht er dieses Jahr in Salzburg, den Schülern seine Branche schmackhaft zu machen. „GIS" steht für geografische Informationssysteme, und diese Technologien stehen hinter so alltäglichen Anwendungen wie Routenplanern, interaktiven Online-Karten oder eben Computerspielen – ob die dargestellten Landschaften letztlich real sind oder fiktiv, macht für die Software eben wenig Unterschied.

Weltweite Initiative

Über 400 Schüler nahmen am 19. November allein im Salzburger Techno-Z am "GIS Day" teil. Dieser Tag ist eine weltweite Initiative, die Veranstaltung in Salzburg war nicht die einzige in Österreich. Denn bei jährlichen Wachstumsraten von zehn bis 20 Prozent hat die Geoinformatik-Branche vor allem ein Problem: Es mangelt ihr an qualifizierten Arbeitskräften.

Kompetenzzentrum in Salzburg

Man ziele "natürlich darauf ab, Schüler zu potenziellen Studien in diesem Bereich zu motivieren", sagt Josef Strobl. Er leitet das Zentrum für Geoinformatik (Z_GIS) an der Uni Salzburg, das als Österreichs wichtigste Forschungs- und Vernetzungsinstitution in diesem Fachbereich gilt. Schwerpunkte der Arbeiten am Z_GIS seien die Gewinnung von Geoinformation aus Satellitenbildern und vor allem auch die Entwicklung dreidimensionaler Stadtmodelle, erklärt Strobl.

Die Stadt in 3D

Als primäres "Forschungsobjekt" im Moment liegt die Stadt Salzburg nahe. Salzburg ist eine von wenigen europäischen Städten, für die in Microsofts "Virtual Earth" bereits ein dreidimensionales Stadtmodell vorliegt. In Zusammenarbeit mit dem führenden Geoinformatik-Unternehmen Autodesk arbeitet das Z_GIS daran, dieses Modell zur Grundlage für die Stadtverwaltung der Zukunft weiterzuentwickeln. Von Leitungsverläufen über Grundbuch und Bebauungsplan sollen alle erdenklichen Daten in das Modell integriert werden.

Letztlich soll das Modell den Bürgern zur Verfügung stehen und die Stadtverwaltung vereinfachen, sagt Strobl: "Ich stelle mir vor, dass ich so etwas wie den klappernden Kanaldeckel oder die nicht funktionierende Straßenbeleuchtung vor meinem Wohnort über derartige Schnittstellen in Zukunft melden werde können."

"Demokratisierung" bei Bauprojekten

Auch Bauprojekte in der Wohnumgebung sollen visualisiert werden können – mit direkter Möglichkeit von Kommentaren und Stellungnahmen dazu: "Die Idee ist, dann aufs virtuelle Magistrat zu gehen", sagt Strobl: "Immer, wenn es jetzt Bürgerbeteiligungsverfahren gibt, ist die Beteiligung sehr niedrig, solang das nicht skandalisiert oder als sehr großes Problem wahrgenommen wird, weil die Hürde, zu Bürozeiten in ein Gemeindeamt zu gehen, halt relativ hoch ist für uns alle." Ein integriertes Geoinformationssystem könne zu einer "deutlichen Demokratisierung" von Entscheidungen in der Gemeinde führen, hofft Strobl.

Doch um solche Visionen umzusetzen, wird es noch viel Entwicklungsarbeit brauchen – und die sollen die Schüler von heute leisten. Ob der Schulausflug zum GIS Day mit Satellitenbilder-Quiz, GPS-Spielen und Einblicke in das virtuelle Salzburg in drei Dimensionen tatsächlich die Geoinformatiker von morgen hervorbringen wird, bleibt abzuwarten. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 20. November 2008)

  • Heiteres Städteraten: Unter anderem mit einem Satellitenbilderquiz sollten die über 400 Schüler am Salzburger "GIS Day" für Geoinformatik begeistert werden.
    foto: zentrum für geoinformatik

    Heiteres Städteraten: Unter anderem mit einem Satellitenbilderquiz sollten die über 400 Schüler am Salzburger "GIS Day" für Geoinformatik begeistert werden.

  • Die Geoinformatik der Zukunft geht über einfache Stadtpläne weit hinaus. Jährlich wächst die Branche um zehn bis 20 Prozent.
    foto: zentrum für geoinformatik

    Die Geoinformatik der Zukunft geht über einfache Stadtpläne weit hinaus. Jährlich wächst die Branche um zehn bis 20 Prozent.

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