Zukunft, fast frei von Perspektiven

20. November 2008, 14:59
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Das ÖFB-Team hat das Jahr der EURO mit einem 2:4 abgeschlossen. Brü­ckner wird weiter­machen. 2009 mangelt es an Höhepunkten

Wien - "Dumme Tore". "Da ist der Hund drinnen." "Da ist der Wurm drinnen." "Jeder muss sich an der eigenen Nase nehmen." "Es ist verhext." "Manchen geht es vielleicht zu gut." "Wir brechen immer gleich zusammen." "Die individuellen Fehler sollten wir abstellen." "So kann man international nicht mithalten." "Wir reden zu viel, sollten lieber handeln." "So dumme Tore." "Wir machen die Gegner stark.""Im Kopf stimmt es nicht." "Zu unkonzentriert." "Da hilf nur hart arbeiten." "Es tut mir leid für die Fans." "Der Sieg gegen Frankreich hat über vieles hinweggetäuscht." "Die EURO war der Höhepunkt." "Danach sind wir wieder auseinandergefallen." "Wir stürzen von einem Tal ins nächste." "Der Teamchef ist nicht schuld." "Ausreden langweilen die Leute." "Wir erwecken Tote zum Leben." "Es gibt bessere Fußballer, als wir es sind, aber auch die haben nur zwei Beine."

Die Liste an Wortspenden österreichischer Nationalspieler war nach dem 2:4 gegen die Türkei jedenfalls umfangreich, dem kollektiven Optimismus sind hierzulande nämlich kaum Grenzen gesetzt. Sie, die Liste, hätte zu fast allen der 13 Länderspiele des Jahres gepasst. Zum Abschluss am 19. November 2008, zur Niederlage gegen die Türkei, passte sie vorzüglich. Wer was gesagt hat, ist prinzipiell egal, auf Vollständigkeit wird gepfiffen. Fairerweise muss erwähnt werden, dass auch drei gesagt haben: "In der ersten halben Stunde waren gute Ansätze erkennbar." Dem ist entgegenzuhalten, dass Fußballspiele dreimal so lange dauern.

Mutiger Hölzl

Die Zitate stammen unter anderen von Andreas Ivanschitz, György Garics, Martin Stranzl, Andreas Ibertsberger und Paul Scharner. Andreas Hölzl nahm den Kampf gegen die vorweihnachtliche Depression tapfer an, der 23-Jährige vermochte rechts im Mittelfeld zu überzeugen und hatte in seinem zweiten Ländermatch immerhin zwei schöne Tore anzubieten. "Natürlich tut die Niederlage weh. Persönlich nehme ich viel Selbstvertrauen mit zu Sturm nach Graz." Das heißt: Es besteht sogar als Mitglied des österreichischen Nationalteams die Möglichkeit, den Restmut auszubauen.

Das Ende 2008 erinnerte frappant an den Anfang. Assistenztrainer Andreas Herzog war im Gegensatz zu Karel Brückner und Jan Kocian immer dabei. 0:3 (Deutschland) und 3:4 (Niederlande) als Overtüre, 1:3 (Serbien) und 2:4 (Türkei) als Vorhang. Herzog, der Mathematiker. "Zweimal sieben Gegentore in jeweils zwei Heimspielen, das kann und darf nicht wahr sein." Von 13 Partien wurden zwei gewonnen, vor der EURO wurde Malta 5:1 deklassiert, zum Auftakt der WM-Quali passierte der Betriebsunfall gegen Frankreich (3:1). Natürlich ist der Teamchefwechsel von Josef Hickersberger zu Karel Brückner eine Zäsur gewesen. Herzog: "Bei der EURO haben wir gezeigt, dass wir zumindest mithalten können. Der Abfall war schlimm. Jeder muss hart arbeiten und schauen, dass er beim Verein zum Leistungsträger wird."

Der österreichische Fußball hängt einer Illusion an. Man will sich mit den Spitzennationen messen und scheitert an Litauen oder an den Faröern.

Brückner resümierte durchaus gelassen. Er werde seinen Stil nicht ändern. "Manche Trainer tauchen jeden Sonntag mit Hemd und Krawatte in VIP-Clubs auf, haben aber noch nie ein Spiel analysiert." Ob er sich den Weg derart steinig vorgestellt hat? "Mein Beruf ist niemals einfach und mit viel Arbeit verbunden. Das war in Tschechien genauso, die Tätigkeit ist belastend. Kein Trainer sitzt fest im Sattel, Alex Ferguson ist bei Manchester United die Ausnahme. Dazu gratuliere ich." Er, Brückner, werde am 4-3-2-1-System festhalten. "Ich sehe keine Alternative, das passt am besten zur Mannschaft." Ein Abschied des 69-jährigen Brückner vor Vertragsende im Herbst 2009 scheint kein Tabu zu sein. "Ich will unbedingt bleiben" hat er jedenfalls nicht gesagt.

2009 ist nahezu frei von Perspektiven. Am 11. Februar wird gegen Schweden begonnen. Vor einem Jahr war es Deutschland. Die Lage in der WM-Qualifikation ist aussichtslos. Am 28. Februar wird der neue ÖFB-Präsident gewählt, vielleicht sollte das der Höhepunkt gewesen sein. Herzog: "Es geht um Stolz und Ehre. Sich lächerlich machen kann kein Ziel sein." (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 21.11.2008)

 

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    Eine Bilanz, die Brückner einsam macht: 2:2 (Italien), 3:1 (Frankreich), 0:2 (Litauen), 1:1 (Färöer) 1:3 (Serbien), 2:4 (Türkei).

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