Überwintern und überleben

24. November 2008, 09:44
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In der Tier- und Pflanzenwelt gibt es unterschiedlichste Strategien, um sich oder die eigene Art durch den Winter zu bringen

Wien - Für manche Tierarten ist Sterben eine Frage des physischen Überlebens. Spezialisten aus dem Tierreich pfeifen nämlich auf die Mühsal von Winterschlaf oder Kältestarre, um den Winter zu überstehen: Stattdessen verabschieden sie sich im Herbst von dieser Welt, hinterlassen aber robuste Dauereier, aus denen im Frühling die nächste Generation schlüpft.

Zu diesen Extremisten zählen etwa viele Wassertiere. Wasserflöhe können mittels Dauereier dabei nicht nur Winter und Eis, sondern auch Trockenphasen ihres Heimattümpels überstehen. Auf die gleiche Strategie setzen die im Moos lebenden winzigen Bärentierchen. Deren Dauerstadien können sogar kurz in flüssiges Helium oder in kochendes Wasser getaucht werden, ohne dass der Nachwuchs geschädigt wird.

Insekten

Tiere, die während ihrer Entwicklung eine Verwandlung durchmachen, dazu zählen viele Insekten, überwintern mittels weniger radikaler Maßnahmen. Sie überstehen die kalte Jahreszeit als Larven im relativ warmen Boden oder auch bewegungslos als Puppen. Soziale Insekten, etwa Bienen, Ameisen oder Termiten sind dagegen im Stande, durch Muskelbewegungen im Stock Wärme zu erzeugen. So kann eine geschrumpfte Gesellschaft von ausgewachsenen Insekten im wahren Sinn des Wortes ins nächste Frühjahr hinüberzittern.

Reptilien und Amphibien

Bei ebenfalls wechselwarmen Tiere wie Reptilien und Amphibien kühlt die Körpertemperatur ab, wenn die Außentemperatur sinkt. Sie werden träger und verharren schließlich in der sogenannten Kältestarre, brauchen dabei kaum Energie und Reserven.

Säugetiere

Schwieriger ist die Situation für Tiere, die ihre Körpertemperatur nicht auf das Umgebungsniveau absinken lassen können, also Vögel und Säugetiere. Ein bestimmter Wert, der von Art zu Art verschieden ist, darf nicht unterschritten werden, um ihre Zellen und Organe nicht nachhaltig zu schädigen. Sie verbrauchen auch im Ruhestadium relativ viel Energie und müssen entweder einen Fettvorrat anlegen oder zwischendurch von den - hoffentlich reichlich angelegten - Nahrungsreserven naschen.

Winterschlaf

Einen echten Winterschlaf von bis zu acht Monaten halten viele Nagetiere, etwa Hamster, Ziesel oder Murmeltiere. Die Tiere reagieren dabei auf keine Außenreize und senken ihre Körpertemperatur um einen bestimmten Wert ab. Doch auch diese echten Winterschläfer können von Zeit zu Zeit ihre Temperatur erhöhen und kurz aufwachen. Wie Kräfte zehrend der lange Schlaf sein kann, zeigte eine Untersuchung der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW). Demnach schrumpfen die inneren Organe von Murmeltieren während des Winterschlafs um bis zu 50 Prozent.

Winterruhe

Wesentlich öfter wachen beispielsweise Bären auf. Zoologen sprechen dabei von einer sogenannten Winterruhe. Die Ruhephasen sind nicht so tief wie bei den echten Schläfern. Die Körpertemperatur sinkt bei den Bären um etwa zehn Grad. Nur kurze Ruhezeiten mit dazwischen eingeschobenen Fressphasen halten etwa Eichhörnchen, Dachse oder Haselmäuse. Sie legen im Sommer und im Herbst einen Nahrungsvorrat an, reicht der nicht aus, verhungern oder erfrieren sie.

Einen sogenannten "verborgenen Winterschlaf" halten Rothirsche. Bei Bedarf, vor allem wenn die Nahrung knapp wird, können sie die Körpertemperatur drastisch absenken und damit Energie sparen.

Vögel

Die meisten einheimischen Vögel, die nicht im Herbst in wärmere Gegenden ziehen, schlagen sich ohne längere Ruhephasen durch den Winter. Vögel besitzen mit ihrem Gefieder ein stark isolierendes Kleid, das bei Bedarf aufgeplustert wird. Dennoch ist der Energiebedarf allein für die Erhaltung der Temperatur hoch, längere Fresspausen sind für Vögel nicht drin.

Strategien von Pflanzen

Während viele Tiere im Winter vor allem mit Kälte und Futterknappheit zu kämpfen haben, setzen Pflanzen Lichtmangel und - so seltsam es klingen mag - Wassermangel zu. Andererseits sind heimische Pflanzen von der Natur bestens vorbereitet, die kalte Jahreszeit zu überleben. Sie verlangsamen ihren Stoffwechsel, Laubbäume und Sträucher werfen ihre Blätter ab.

Das herbstliche Abwerfen der Blätter hat für Laubbäume mehrere Vorteile. So bieten die nackten Äste und Zweige weniger Angriffsfläche für Winterstürme, auch die Schneelast ist ohne dichte Blätterkrone niedriger. Nicht zuletzt sind blätterlose Bäume besser vor dem Austrocknen geschützt, auf den Rückseiten der Blätter finden sich nämlich die sogenannten Spaltöffnungen, durch die Wasser verdunstet. Und Frostperioden - ob mit oder ohne Schnee - sind für Pflanzen extreme Trockenzeiten, da sie gefrorenes Wasser nicht verwerten können. Nadelbäume schützen sich durch dicke Wachsschichten auf den Nadeln vor übermäßiger Verdunstung.

Laubfall

Der Laubfall wird damit eingeleitet, dass die Bäume aus den Blättern noch verwertbare Stoffe, Zucker und Proteine abziehen. Die Produktion von Blattgrün (Chlorophyll) wird eingestellt, dadurch werden - stets vorhandene, aber überdeckte - andere Farbstoffe sichtbar, die bekannte herbstliche Farbenpracht entsteht. Dass das verwelkte Blatt letztendlich abfällt, besorgt eine Sollbruchstelle zwischen Blattstiel und Zweig. Eine sich allmählich aufbauende Korkschicht verhindert, dass dabei Wunden entstehen.

Samen, Wurzeln und Knollen

Viele Kräuter greifen zu einer wesentlich radikaleren Maßnahme als die Laubbäume: Sie stecken ihre ganze Lebenskraft in die Produktion von Samen und gehen im Herbst einfach ein, sie "sterben, um zu überleben". Eine weniger radikale, aber ebenso zielführende Methode ist die Ausbildung von sogenannten Überwinterungsorganen, etwa dicken Wurzeln oder Knollen von Rüben. Dort wird Energie gespeichert, die oberirdische Pflanze stirbt ab, um während besserer Zeiten wieder mit vollem Elan auszukeimen zu können.

Die unteren Temperaturgrenzen, bei denen verschiedene Pflanzen gerade noch Photosynthese durchführen können, sind höchst unterschiedlich. So können Tannen dies bis etwa minus fünf Grad, Kiefern dagegen nur bis plus sieben Grad. Aber auch dabei gibt es Extremisten. So können Algen in Tümpeln und Seen unter einer klaren Eisdecke wachsen und gedeihen. Sogenannte höhere Wasserpflanzen ziehen sich während der lichtarmen Jahreszeit allerdings zurück. (APA)

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    Bei Waldohreulen kommt es im Winter gelegentlich zu Schlafgemeinschaften auf Bäumen. Dabei wird wenig Abstand zu anderen Vögeln gehalten. Manchmal beteiligen sich auch andere Eulenarten an der Schlafgemeinschaft.

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