Dreihundert Geiseln in Piratenhänden

19. November 2008, 22:22
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Weltweit ist Piraterie ein drängendes Problem

Erstmals versenkte ein Kriegsschiff vor Somalia ein Piratenboot. Die Seeräuber stört das nicht: Es gibt weiterhin Entführungen.

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Die Frage, die sich die meisten laienhaften Landratten bei den Piratenüberfällen vor Somalia stellen: Wie können die Täter so einfach Riesenschiffe entern? Die Antwort: eigentlich genau so, wie man es aus den Filmen kennt. Mit Seil und Enterhaken. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Seeräuber heute nicht mehr mit dem Säbel zwischen den Zähnen an Bord kommen, sondern mit automatischen Waffen und Panzerabwehrrohren, mit deren Munition man Löcher in Schiffsrümpfe schießen kann.

"Die Piraten kommen oft im Dunkeln mit mehreren Booten heran. Dann werfen sie die Seile mit den Enterhaken und können so acht bis zehn Meter nach oben klettern" , schildert Cyrus Mody, Manager beim Internationalen Seefahrtsbüro der Internationalen Handelskammer (ICC) in London dem Standard. Warum sich die Crew nicht wehrt und die Haken wieder über Bord wirft? "Die anderen Piraten feuern auf die Reling."

95 Überfälle hat die ICC heuer schon im Golf von Aden und vor Somalia registriert - im gesamten Vorjahr waren es nur 31. Die Region ist für beinahe Drittel aller registrierten Vorfälle weltweit verantwortlich.

Alleine seit dem Wochenende traf es vier Schiffe, darunter den Supertanker "Sirius Star" . 300 Mann Besatzung auf 17 Schiffen sind derzeit die Geiseln der Piraten, darunter die "MS Faina" , mit 33 Panzern beladen. Schiffe, mit denen Bargeld erpresst wird, das von Unterhändlern direkt auf die gekaperten Schiffe gebracht wird. Ein BBC-Bericht, dass für die "Sirius Star" umgerechnet 156 Millionen Euro Lösegeld verlangt werden, wurde nicht bestätigt.

Einzigartig sind die somalischen Piraten nicht. Selbst im Mittelmeer schlugen heuer Seeräuber zu: Eine Yacht in einer korsischen Bucht wurde im August von vier Bewaffneten überfallen. Die Schwerpunkte der Piraterie auf den Weltmeeren sind neben Somalia die Küste vor Nigeria und die Straße von Malakka, die an Singapur vorbei führt.

Koordinierte Militäraktion

An dieser teils nur drei Kilometer breiten Lebensader des Welthandels hat sich die Situation allerdings drastisch gebessert. "Im Jahr 2003 hatten wir noch Meldungen von 120 Überfällen. Heuer waren es 28" , rechnet ICC-Manager Mody vor. Der Grund: "Die Anrainerstaaten haben koordinierte Militäraktionen beschlossen."
Ein Weg, der auch vor Somalia helfen soll. In der Nacht auf Mittwoch schlug erstmals ein Kriegsschiff zu. Eine indische Fregatte wollte ein verdächtiges Boot kontrollieren, als dessen Besatzung nach indischer Darstellung ein Feuergefecht begann, bei dem das Seeräuberschiff zerstört wurde.

Die Inder sind nicht die einzigen, die Marineeinheiten geschickt haben. Die "Combined Maritime Forces" , eigentlich eine großteils aus Nato-Kräften für den "Krieg gegen den Terror" gegründete Einheit ist schon länger vor Ort. Deren Problem: Für mehr als sechs Millionen Quadratmeter Fläche stehen sechs bis acht Kriegsschiffe zur Verfügung, gesteht Stephanie Murdock von der 5. US-Flotte.

Mittlerweile sind auch die Nationalstaaten aktiv: Französische und deutsche Schiffe bewachen Konvois, Russland und die Nato entsenden eigene Kampfeinheiten. Im Dezember soll die EU folgen - und dann auch den Nato-Einsatz befehligen. Wirklich aktiv können diese aber nur in internationalen Gewässern werden - Einsätze an Land, etwa in den Piratenhäfen selbst, sind völkerrechtlich heikel.

Selbstschutz der Handelsschiffe ist ebenso schwierig. Bewaffnet dürfen die Schiffe nicht sein, auch die Crew darf eigentlich aus rechtlichen und Sicherheitsgründen keine scharfen Waffen mitführen. Internationale Schifffahrtsorganisationen raten mittlerweile zu technischen Hilfsmitteln - vor allem elektrischen Zäunen an der Reling. Die sollen enterwillige Piraten mit 9000-Volt-Impulsen betäuben. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2008)

 

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