Wenn das Jahr mit altem Lied ausklingt

19. November 2008, 22:33
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Siebente Niederlage im 13. Versuch beendete das Jahr 2008. Wiedergutmachung war ange­strebt worden. Beim 2:4 gegen die Türkei wur­den fast nur alte Schwächen demonstriert

Wien - 83 Minuten waren am Mittwochabend im Ernst Happel-Stadion gespielt, als Michael Gspurning bei einem Schuss einmal nicht machtlos war. Ob der 27-Jährige ein richtig guter Goalie ist, konnte zunächst nicht geklärt werden. Dazu hätten die Türken in diesem Heimspiel - von den 23.100 Zusehern drückten zumindest 15.000 für die nominellen Gäste - nämlich schießen oder köpfeln müssen.

Das haben sie freundlicherweise unterlassen. Bis zur 38. Minute. Der erste Ball aufs Tor landete im Tor. Mehmet Aurelio traf nach Doppelpass mit Kazim Kazim. Gspurning war machtlos. Da es immer auch einen zweiten Ball gibt, nämlich in der 41. Minute, versenkte diesen Tuncay Sanli zum 2:1. Gspurning war machtlos. In Griechenland, bei seinem Verein Xanthi, hat es zehn Partien gedauert, um zweimal machtlos zu sein. 47. Minute, natürlich nicht in Xanthi, sondern in Wien: Dritter Schuss, drittes Tor, schon wieder Tuncay Sanli. Gspurning war machtlos. 61. Minute: Vierter Schuss, viertes Tor. Wiederum Tuncay Sanli von Middlesbrough. Eigentlich war es der sechste Schuss, Kazim Kazim hatte die Latte getroffen, Tuncay Sanli tat es ihm nach und und nützte den Abpraller zum 4:2. Gspurning war machtlos.

Der Reihe nach: Über den Sinn eines freundschaftlichen Länderspiels zwischen Österreich und der Türkei am 19. November 2008 ließe es sich fürstlich streiten. Aber der Mensch muss sich mit Gegebenheiten abfinden, er akzeptiert ja auch zähneknirschend die Finanzkrise und den Klimawandel. Und irgendwann musste ja Kurt Ehrenberger als interimistischer Verbandspräsident debütieren. Das gelang immerhin tadellos.

Teamchef Karel Brückner hatte das Motto "Wiedergutmachung" ausgegeben, "120 Prozent Einsatz" verlangt, wobei zum Beispiel ein 1:1 in der WM-Qualifikation auf den Färöern in einem Freundschaftsspiel nicht reparabel ist.

Beide Teams mussten verletzte Stammkräfte vorgeben, insofern herrschte Chancengleichheit. Brückner wählte ein 4-5-1-System, Rubin Okotie debütierte als Solospitze und lieferte den Beweis, kein Marc Janko zu sein. Fatih Terim übernahm Brückners Taktik, vielleicht war es auch umgekehrt. Paul Scharner bildete mit Martin Stranzl die Innenverteidigung, das Mittelfeld war offensiv orientiert, Andreas Ivanschitz, Andreas Hölzl und Christoph Leitgeb sollten Ideen liefern.

Die Österreicher waren zunächst die aktivere Mannschaft, aber natürlich fern jeglicher Genialität. Stranzl hat zumindest nicht ungefährlich geköpfelt (6.). In der 28. Minute flankte Leitgeb auf den von der Türkei völlig verlassenen Hölzl, der Ball flog von dessen Haupt in hohem Bogen zum 1:0 ins Tor. Jubel, Wiedergutmachung. Erster Treffer im Team für den Mann von Sturm Graz. In der 53. Minute ließ er den zweiten folgen, ein wunderbarer Weitschuss zum 2:3. Verhaltener Jubel um den 23-Jährigen in dessen zweitem Länderspiel. Generell war das Abwehrverhalten der Österreicher drittklassig, in der Offensive schaffte man es zeitweise bis in die Zweitklassigkeit.

Teamchef Brückner sprudelte nach Schlusspfiff für seine Verhältnisse fast über. "Wir haben Probleme bekommen, nachdem wir 40 Minuten sehr, sehr gut gespielt hatten. Dann hat die Defensive nicht funktioniert. Nach der Pause war der Gegner dann sehr gut und hat einen verdienten Sieg gefeiert. Aber wir haben der Türkei mit unseren Fehlern geholfen."

Bilanz 2008: Sieben Niederlagen, vier Remis, zwei Siege. Jetzt ist bald Weihnachten, und am 11. Februar 2009 wird gegen Schweden getestet. Und dann wird die längst verlorene WM-Qualifikation einer Erledigung zugeführt. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 20.11.2008)

Österreich - Türkei: 2:4 (1:2). Ernst Happel Stadion, 23.100 Zuschauer, SR Manuel Gräfe (GER).

Torfolge: 1:0 (28.) Hölzl, 1:1 (38.) Mehmet Aurelio, 1:2 (41.) Tuncay Sanli, 1:3 (47.) Tuncay Sanli, 2:3 (53.) Hölzl, 2:4 (61.) Tuncay Sanli

Österreich: Gspurning - Garics (46. Arnautovic), Scharner (86. Prödl), Stranzl, Ibertsberger (46. Standfest) - Hölzl, Leitgeb (70. Stankovic), Ivanschitz, Säumel (64. Aufhauser), Fuchs - Okotie (46. Hoffer)

Türkei: Volkan Demirel - Gökhan Gönül, Eren Güngör, Gökhan Zan, Hakan Balta - Kazim Kazim (85. Sinan Kaloglu), Sabri Sarioglu (69. Serkan Balci), Mehmet Aurelio (87. Selcuk Sahin), Ayhan Akman (80. Nuri Sahin), Tuncay Sanli (71. Caner Erkin) - Mehmet Yildiz (46. Halil Altintop)

Gelbe Karten: Ivanschitz bzw. Sabri Sarioglu

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    Tuncay Sanli brachte Österreichs Fans mit drei Toren zum Schweigen. Sein Kapitänskollege Andreas Ivanschitz war bei Weitem nicht so scharf.

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