Islamisten kontrollieren wieder einen Großteil des Landes

19. November 2008, 21:13
posten

Regierung vor Kollaps – Eine Million Flüchtlinge

Die Zeit scheint sich in Somalia rückwärts zu gehen. Islamistische Milizen kontrollieren bereits einen Teil der Hauptstadt Mogadischu. Die Regierung steht kurz vor dem Kollaps. Das gibt selbst Übergangspräsident Abdullahi Jusuf zu. Die Situation ähnelt jener im Sommer 2006, als die Union der Islamischen Gerichtshöfe das Land unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Heute heißt die führende Miliz al-Schabaab - die Jungen. Die äthiopischen Truppen, die im Winter 2006 mit Rückendeckung der USA die Islamisten von der Macht vertrieben hatten, ziehen sich aus Mogadischu zurück.

Aus Mogadischu sind zehnttausende Mensche bereits die Hälfte geflohen, eine Million Somalier sind im Land vertrieben. 43 Prozent sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen Die Islamisten kontrollieren fast das gesamte Land. Vor einer Woche nahmen sie die Hafenstadt Merka in der Nähe von Mogadischu ein. Der Waffenstillstand, der heuer im Juni mit einer Gruppe von Islamisten ausgehandelt wurde, ist längst gebrochen.

Die Übergangsregierung, die von Äthiopien und anderen ostafrikanischen Ländern unterstützt wird, war nicht in der Lage die al-Schabaab zu isolieren. Zweitens aber sind die Clans in der Regierung heillos zerstritten. Der UN-Sondergesandte Ahmedou Ould-Aballah warf dem Präsidenten vor, die Bildung eines neuen Kabinetts zu sabotieren. Die Islamisten unterlaufen indes mit Selbstmordattentaten, wie etwa im Oktober, alle Friedensinitiativen. Sie gehen gegen UN-Personal, Regierungsinstitutionen, die äthiopischen Besatzer aber auch gegen Hilfskräfte vor.

Sollten sich die äthiopischen Truppen zurückziehen, dürfte aber das Chaos noch größer werden. Zu einem effizienten UN-Einsatz kann sich niemand entschließen, zu stark wirken noch die Bilder von abgeschossenen US-Militärhubschraubern im Jahr 1993. Die Islamisten profitieren von der Wut auf die fehlgeschlagene Politik des Westens und Äthiopien und setzen brutal ihre Vorstellung von Rechtsstaat durch. Kürzlich wurde in Kismayo ein 13-jähriges Mädchen "verurteilt" , weil es von drei Männern vergewaltigt worden war. Das Mädchen wurde gesteinigt. (awö/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2008)

 

Share if you care.