London: Weniger Bürokratie hätte "Baby P." retten können

19. November 2008, 20:29
18 Postings

Gefoltert und schließlich getötet wurde "Baby P." von seiner Mutter und deren Männerbekanntschaften. Die Briten aber suchen nach Mitschuldigen, Verdächtige gibt es reichlich

Nach tödlicher Kindesmisshandlung diskutiert Großbritannien die Verantwortung seiner Behörden - Sebastian Borger aus London

***

Sanitäter im armseligen Londoner Norden sind schwierige Situationen gewohnt: Darren Harding und Keving Mansfield haben reichlich Berufserfahrung. Doch dem Duo verschlug es an jenem Augustvormittag 2007 gleich zweimal den Atem: In dem geräumigen Haus in Haringey stank es nach Menschen- und Hundekot, im Flur lagen die Überreste eines toten Huhns, das Wohnzimmer war übersät mit Porno-Heften. Im Kinderzimmer lag ein 17 Monate altes Kleinkind in seinem Bettchen, dem die erfahrenen Sanitäter sofort ansahen, dass jede Hilfe zu spät kam.

Zahn im Darm

Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass die Wirbelsäule des toten Kindes - das bis heute aus rechtlichen Gründen nur "Baby P." genannt wird - zerbrochen war, sein Körper von Blutergüssen übersät. Im Darm fanden die Gerichtsmediziner einen Zahn - offenbar war dem gemarterten Buben ein Zahn ausgeschlagen worden, den er anschließend verschluckt hatte.

Vergangene Woche hat das Londoner Schwurgericht die Mutter des Kindes und zwei ihrer Freunde wegen Kindesvernachlässigung mit Todesfolge verurteilt: Auf das Trio warten lange Gefängnisstrafen. Seither debattieren die emotional aufgewühlten Briten das Schicksal von "Baby P.".

Suche nach Mitschuldigen

Zum Vorschein kommen dabei behördliche Inkompetenz, gesellschaftliche Ignoranz - und der atemberaubende Egoismus junger Menschen, die nicht einmal für sich selbst, geschweige denn für Kinder Verantwortung übernehmen können. Gefoltert und schließlich getötet wurde "Baby P." von seiner Mutter und deren Männerbekanntschaften. Die Briten aber suchen nach Mitschuldigen, Verdächtige gibt es reichlich.

Denn "Baby P." stand als "gefährdet" im Fokus des örtlichen Jugendamts: Mehr als 60 Kontakte mit Sozialarbeitern, Polizisten, Ärzten und Betreuern listet ein Untersuchungsbericht der Bezirksregierung Haringey auf. Minutiös sind darin die Versäumnisse aufgelistet. Mehrfach drängten Sozialarbeiter und Polizisten darauf, das Kind und seine beiden älteren Geschwister in Pflege zu geben.

Kinder bleiben bei Eltern


Die Verantwortlichen scheuten die Kosten und hielten sich an die vorherrschende Meinung, man solle Kinder so lang wie möglich bei ihren leiblichen Eltern belassen. Selbst wenn diese sich, wie in "Baby P.s" Fall, seit Jahren als unfähig erwiesen hatten. Ein kaum fassbares Versäumnis leistete sich auch eine Kinderärztin, die das Kind zwei Tage vor seinem Tod untersucht hatte: Sie unterließ eine genaue Untersuchung, bei der sie zumindest gebrochene Rippen gefunden hätte.

Neuordnung der Kinderbetreuung

Dass der Fall in Haringey passieren konnte, hat die Briten erschüttert. Vor acht Jahren wurde dort die achtjährige Victoria Climbié von ihrer Tante und deren Lebensgefährten zu Tode gefoltert. Die Untersuchung führte damals zu einer Neuordnung der Kinderbetreuung: Zu einer Überbetonung bürokratischer Prozeduren. "Haringey hat einen schönen Akt über das Versagen gegenüber diesem Kind", sagte Professorin Eileen Munro von der London School of Economics. Offizielle Stellungnahmen klingen wie Ausflüchte und Rechtfertigung. "Wir haben hart gearbeitet", sagte die Jugendamt-Leiterin und wies jede Verantwortung von sich. Nun ist Jugendminister Ed Balls am Zug: Er müsste die Verantwortlichen zum Rücktritt zwingen und die Verwaltung von Haringey konsequent prüfen und kontrollieren. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD Printausgabe 20.11.2008)

 

 

Share if you care.