Ruanda: Chance für Frankreich

19. November 2008, 19:53
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Im Zuge des Verfahrens gegen Kabuye wird es Frankreich kaum gelingen, von der eigenen Verantwortung abzulenken - von Julia Raabe

Mit der Auslieferung der ruandischen Protokollchefin Rose Kabuye an Paris steht der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Frankreich und Ruanda vor seinem vorläufigen Höhepunkt - unter etwas scheinheiligem Vorwand. Denn eine Klärung der Frage, wer schuld ist am Absturz der Präsidentenmaschine am 6. April 1994 und damit den Startschuss für den Völkermord an den Tutsis lieferte, wird man sich nicht erhoffen dürfen. Der französische Richter und Politiker Jean-Louis Bruguière, der gegen Kabuye und acht weitere Tutsi-Vertreter Haftbefehle ausstellte, stützt seine Beschuldigungen auf Aussagen von Exil-Ruandern, ohne selbst auch nur einmal nach Ruanda gefahren zu sein. Zu Recht sind die Anklagen höchst umstritten.

Doch im Zuge des Verfahrens wird es Frankreich kaum gelingen, von der eigenen Verantwortung abzulenken. Paris, Schutzmacht im französischsprachigen Teil Afrikas, unterstützte die damalige Hutu-Regierung nach Kräften, bildete Soldaten aus, half gegen die Tutsi-Rebellen aus dem benachbarten - englischsprachigen - Uganda, lieferte sogar noch während des Völkermords Waffen. Durch die umstrittene Militärmission "Operation Turquoise" konnten dann auch noch für den Genozid verantwortliche Hutus fliehen.

Die Sarkozy-Regierung hat seit ihrem Amtsantritt allerdings mehrfach signalisiert, die Beziehungen zu Ruanda auf eine neue Grundlage stellen zu wollen. Insofern könnte sich ein möglicher Prozess auch als Chance erweisen, das dunkle Kapitel aufzuarbeiten. Wie notwendig das ist, zeigt der blutige Konflikt im Kongo: Er ist eine direkte Folge des Völkermords. Umso wichtiger, dass die zerstrittenen Länder wenigstens jetzt an einem Strang ziehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2008)

 

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