Eine Gegenwelt in großer Unbekümmertheit

19. November 2008, 18:51
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Arnold Mettnitzer, Theologe und Psychotherapeut, über den Maler Christian Ludwig Attersee

Die sokratische Weisheit, zu wissen, dass man nichts weiß, liest sich bei Christian Ludwig Attersee so: "Wir wissen noch nicht alles."

Attersee aber versucht alles, zumindest vieles, um dem Wissen auf die Sprünge zu helfen und landet dabei im Reich der Bilder hinter allem Wissen. Den Betrachter provoziert er, alles Wissen zusammenzunehmen und sich durch das Reich seiner Bilder führen zu lassen.

Ein Prozess, den man in der Psychoanalyse das "freie Assoziieren" nennt. Im Vertrauen darauf, dadurch dorthin zu kommen, wo die Triebkräfte unserer momentanen Befindlichkeit liegen. Betrachtungen als Standortbestimmung. Meditation, die zur Mediation wird, zur Vermittlung zwischen innen und außen, zwischen der Antike und der Gegenwart, zwischen Religion und Mythos, zwischen Eros und Askese.

Wobei gerade durch Attersees Werke spürbar und in einer wohltuenden Weise daran erinnert wird, dass der Gott Eros ursprünglich eine andere Funktion als die eines Feindbildes der reinen christlichen Lehre hatte. In der Antike galt der Sohn der Liebesgöttin Aphrodite noch als Leitfigur der Tugend und der Menschlichkeit.

Aber der heruntergekommene und niedergehende Hellenismus brachte asketische Tendenzen in das Christentum und erstickte so die blühende Liebeskultur der Antike und bewirkte eine nachhaltige Reduktion der Bedeutungsvielfalt. Sie ist Teil jener Tradition, die den Glauben vom alltäglichen Leben, die Religion von der Politik, die Privatheit von der Öffentlichkeit rigoros zu trennen und alles in einer "verrechtlichen Sprache" zu benennen versucht. In weiterer Folge unterscheidet man zwischen einer sakralen und einer profanen Welt, zwischen heiligen und sündigen Bezirken, zwischen Himmel und Hölle. In Attersees Bildern skizziert sich in einer Art Urerinnerung eine Gegenwelt in großer Unbekümmertheit nicht nur dort, wo über dem Kirchturm sich das Glied des Hirsches erstreckt.

Die Klugheit der Schlangen

Die apollonische Weisheit "Erkenne dich selbst!" in der Vorhalle des Tempels in Delphi mag da genauso in den Sinn kommen wie das jesuanische Wort von den Kindern, die wir werden sollen, um verstehen zu können, was der Himmel ist - oder aber die Rede von der Klugheit der Schlangen und der Einfalt der Tauben. Eine von ihnen verfängt sich in den Gemälden des Künstlers immer wieder im Geäst unter dem Himmel.

Der Betrachter wird auf seinem Gang durch die Ausstellung in der Galerie Heike Curtze zum Herakles am Scheideweg. Auf der einen Seite lockt erotisch-betörend die Glückseligkeit, von ihren Feinden Liederlichkeit gerufen, auf der anderen Seite die Tugend, die immer etwas mit Vorsicht und Über-Ich und somit mit Verboten zu tun hat.

Wer siegt, muss offen bleiben. Was wie ein Spaziergang beginnt, verliert von Bild zu Bild seine Harmlosigkeit und wird zur Wanderung nach innen, zum Jesuskasten, dorthin, wo die alten Schätze der Weisheit liegen, wo die Kostbarkeiten im Keller des Herzens verstaubt darauf warten, entdeckt zu werden oder, wie die große Bachmann sagen würde, zum Ort, wo die Welt das Geheimnis ihrer Drehbarkeit hat. (Arnold Mettnitzer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2008)

Literatur: In "Couch und Altar" (Styria Verlag) untersucht Arnold Mettnitzer Gemeinsamkeiten von Psychotherapie und Seelsorge, z. B. einen sokratisch-jesuanischen Optimismus.

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