Kopf des Tages: Ist doch alles nur Chimäre!

19. November 2008, 18:48
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Johann Nepomuk Nestroy - eine Wiener Theatertrophäe

Er gehört zu den "springlebendigsten Toten", auf die das Theater baut: Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy, der in einem liberalen Advokatenhaushalt anno 1801 in der Wiener Bräunerstraße erstmals seine Kraftstimme erprobte. Als "österreichischer Shakespeare" vereint er die in diesem Metier denkbar größte Wertschätzung auf sich, allerdings eine, die lange Zeit durch Klischees verfälscht war und teils immer noch ist.

Erst Karl Kraus hat Nestroy, den Zerrissenen, aus den Fängen biedermeierlichen Verharmlosung gerissen und sein 84 Stücke umfassendes Werk vom imprägnierten Bild eines leutseligen Reimdichters befreit. Seine sozialkritische, melancholisch-bissige Satire, die Ferdinand Raimunds Zauberpossenwelt weit hinter sich ließ, fand in Autoren wie Horváth, Wolfgang Bauer oder Elfriede Jelinek und den Vertretern der Wiener Gruppe ihre Fortsetzung. Dass Nestroys verordnete Harmlosigkeit nicht haltbar war, haben schon die Zensurbehörden des Vormärz gerochen. Mit regelmäßigen Winks bat man beim Dichter und Schauspieler sowie späteren Carl-Theater-Direktor um Unterlassung jeglicher Blasphemie.

Hat nicht immer genützt! Schließlich lieferte Nestroy nicht jedes seiner Couplets im Vorfeld bereitwillig ans Messer, sondern überraschte sämtliche Würdenträger im Parkett auch spontan mit verbalen Watschen: Ihm, der die Hauptrollen seiner Stücke vorsichtshalber lieber selbst spielte, brachte "Ehrenrühriges Extemporieren" bei der Uraufführung von "Lumpazivagabundus" 1835 gar eine fünftägige Arreststrafe ein.

Der Mut und die Sicherheit, die Nestroy auf offener Bühne, auch im Angesicht des Kaisers und der dazugehörigen Erzherzöge, wie eine natürliche Verpflichtung überfielen, fehlten dem zweimal Verehelichten privat zur Gänze. Die große Skepsis einer Gesellschaft gegenüber, die am Gängelband des industriellen Fortschritts zunehmend ihrer Haltungen verlustig ging, hat er abseits der Bühne gut gepflegt. Seine Assekuranzen reichten über den Tod hinaus: Aus intensiver Angst vor dem Lebendig-begraben-Werden tüftelte Nestroy rechtzeitig vor seinem Ableben 1862 an einer Konstruktion mit Klingelfunktion, die ihm im Fall des Falles den gewünschten Wiederaufstieg aus dem Grab ermöglichen sollte - später vereinfacht auf den Testamentseintrag: "Mir soll ins Herz gestochen werden!"

Die Ahnung, er bliebe lebendig, "springlebendig", hat sich dennoch bewahrheitet: als alljährliche Theatertrophäe. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2008)

 

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