Der Menschenaufklärer wider Willen: Theaterregisseur Peter Zadek

19. November 2008, 18:15
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Ein Porträt aus Anlass der Lebenswerk-Ehrung

Die Überreichung der "Nestroy"-Theaterpreise im Wiener Ronacher kennt einen so sicheren wie verdienten Gewinner.

Wien - Wer da vermeint, er könne aus dem ingeniösen Theaterregisseur Peter Zadek (82) ein Geheimnis herausschälen - irgendein Kalkül: einen Wesenskern, eine Betriebsanleitung, die seinen Inszenierungen gesamtheitlich zugrunde läge - muss grässlich scheitern.

Zadek, der am heutigen Abend den Lebenswerk-Nestroy im Wiener Ronacher überreicht bekommt, ist der vielleicht unordentlichste unter allen noch real existierenden Theatermachern alten Schlages. Zadek-Aufführungen existieren tatsächlich real: Sie geben, ganz im Gegensatz zu vielen neumodischen und jüngsten Produkten szenischer Einbildungskraft, keine überflüssigen Verlustanzeigen auf.

Zadeks Inszenierungen kokettieren nicht mit der Krise des Individuums. Sie proklamieren nicht den Kollaps der Aufklärung. Chaotisch oder auch kindlich, wie sie manchmal sind, leugnen sie frech die Auflösung gesellschaftlicher Bindungskräfte.

Mit einem Wort: Zadek-Aufführungen tun niemals so, als würden sie einer diffusen geistigen Großwetterlage entspringen. Ihre Niederschlagsdichte resultiert einzig aus der Verabredung des Regisseurs mit "seinen" Schauspielern. Diese werden von ihm, mitunter um den Preis der Schroffheit, dazu aufgefordert, bereits mitten in der drückendsten Sommerschwüle künftige Seelenwinter vorauszuahnen - und deren Schwingungen in den konkreten Augenblick herüberzuholen. So - oder so ähnlich - passiert es nämlich auch im Leben.

Zadek, der 1933 nach England emigrierte Skeptiker aus Berlin, der wie durch Zufall 1958 im Theater am Dom Köln landete, um von dort aus einen beispiellosen Siegeszug über die deutschen Stadt- und Staatsbühnen anzutreten, hatte von den Briten das eine zweifellos gelernt: Unterhalte die Menschen, die ein Billet zahlen, nach Kräften - aber belehre sie niemals!

Von Zadek, dem "Provokateur", hat man noch nicht eine philosophische These inszeniert gesehen. Dafür erlebte man, wie er in den 1960er-Jahren heftig mit Revolten und Aufbruchsstimmungen kokettierte. Unter der Obhut Kurt Hübners, des kongenialen Ermöglichers, wuchs das Zadek-Theater in Bremen zur ambulanten Versuchsstation zusammen.

Zadek blieb zeitlebens unstet: ein geografisch Ruheloser. Er ist aber auch gewiss das Theatergenie mit dem leichtesten Handgepäck. Sein früher meist durch Sonnengläser verspiegelter Blick ruht undurchdringlich auf den Schauspielern. Er fasst deren Treiben über Wochen hinweg ungerührt ins Auge. Bestenfalls lässt er dann und wann eine knappe Bemerkung fallen und setzt bei den völlig ungeschützt Probierenden ungeahnte Fantasien frei.

Nur keine Illusionen!

Darum sind Zadek-Schauspieler niemals solche, die man etwa wegen ihrer Illusionistenkünste in den Himmel höbe. In den besten Arbeiten dieses Magiers - in Wien sei etwa an die Tschechow-Inszenierungen von Iwanow (1990) und Der Kirschgarten (1996) erinnert - zerreißt eine Art unsichtbarer Membran. Es scheint dann, als ob eine besonders fordernde Form der Emotionalität - stets aus dem Glutkern der Figur heraus entwickelt! - die "vierte Wand" mit Leichtigkeit zum Einsturz brächte.

Es ist kein Wunder, dass Zadek, der als Intendant in Bochum (1972-1979) und Hamburg (1985- 1989) durch sein durchschlagendes Desinteresse an jeglicher Art von Bürokratie auffiel, keine Schulen begründet hat. Zadeks skandalös achselzuckendes Interesse an Zuständen, die sich je nach Temperament bis zur Fadenscheinigkeit verdünnen können, um in der nächsten Sekunde zu explodieren, ist vor jeder Epigonalität gefeit.

Es sind die Schauspieler, die man mit diesem im besten Sinne eigensüchtigen Riesen verbindet. Der genial-dilettantische Ulrich Wildgruber (1937-1999) etwa, der als erregt nuschelndes, ungeschlachtes Naturwesen das begabte, leider zu Tode gekränkte Ungeheuer gab. Berühmt wurde er für seinen blutschwitzenden Mohren Othello (1976 in Hamburg), als seine abfärbende Theaterschminke die venezianischen Rassisten wie zum Hohn beschmutzte.

Man müsste nennen: Hannelore Hoger; die von Zadek geförderte Rosel Zech; die Entdeckung des Theaterschauspielers (!) O. E. Hasse. Man wird an Angela Winkler denken müssen, an Uwe Bohm. Und niemand, der dabei gewesen ist, wird jemals Gert Voss und Ignaz Kirchner vergessen können, die als Patient (Iwanow) und Arzt (Lwow) einander auf den Tod bekriegten: eine Liebesgeschichte. Natürlich.

Zadek wird im kommenden Frühjahr G. B. Shaw in Zürich inszenieren. Die heutige Nestroy-Feier beinhaltet Ehrungen für Gert Jonke (Stück) sowie für einen ganzen Kranz von Nominierten. Als beste Schauspielerinnen wurden Sandra Cervik, Andrea Wenzl und Regina Fritsch nominiert; bei den Herren stehen Markus Hering, Samuel Weiss und Roland Koch zur Wahl. Um 23 Uhr kann die Feier auf ORF 2 zeitversetzt genossen werden. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2008)

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    Peter Zadek, der unbequemste und menschenfreundlichste Regisseur von allen, überblickt fünf Jahrzehnte Theatergeschichte.

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