Online-Bibliothek "Europeana" bringt kulturellen Reichtum Europas ins Netz

19. November 2008, 17:52
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Die sagenumwogene Bibliothek in Alexandria sollte das gesammelte Wissen der antiken Welt vereinen - das heutige Europa hat ähnlich ehrgeizige Pläne

Die sagenumwogene Bibliothek in Alexandria sollte das gesammelte Wissen der antiken Welt vereinen - das heutige Europa hat ähnlich ehrgeizige Pläne. Am Donnerstag gibt die EU-Kommission den Startschuss für ihre riesige Online-Bibliothek Europeana, die Europas gesamtes kulturelles Erbe über das Internet zugänglich machen soll - nicht nur Bücher und Dokumente, sondern auch Musik, Fotos, Karten, Gemälde und Filme.

Bescheiden

Mit 14 Mitarbeitern und geschätzten Kosten von 2,5 Millionen Euro pro Jahr sind die Anfänge der Europeana allerdings vergleichsweise bescheiden. Auf dem Webportal http://www.europeana.eu sind zunächst fast drei Millionen Manuskripte und Bücher, Gemälde, Filme und Fotografien kostenlos abrufbar. Bis zum Jahr 2010 soll Europas digitale Bibliothek zehn Millionen historische Zeugnisse und Kunstwerke in allen EU-Sprachen präsentieren. Aber auch das ist angesichts von 2,5 Milliarden Büchern, die es allein in Europas herkömmlichen Bibliotheken gibt, noch weit entfernt vom Traum einer allumfassenden Wissensdatenbank.

Mozart

"Europeana bietet die Chance, die reichen Schätze des europäischen Kulturraums und seine starke Vernetzung über alle historischen und politischen Entwicklungen hinweg sichtbar zu machen", sagt Elisabeth Niggemann, die Vorsitzende der Trägerstiftung European Digital Library Foundation. Wer nach Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) sucht, findet auf dem Portal zum Beispiel Gemälde des österreichischen Komponisten und die Geburtsurkunden seiner Kinder ebenso wie mehr als hundert Tonaufnahmen oder das Drama "Mozart und Salieri" des russischen Schriftstellers Alexander Puschkin.

Mehr als 1.000 Archive, Museen und Bibliotheken aus ganz Europa (darunter die Österreichische Nationalbibliothek) haben bereits digitalisiertes Material beigesteuert. Die 27 Mitgliedstaaten sind allerdings sehr unterschiedlich vertreten. Gut die Hälfte aller eingescannten Werke stammt aus Frankreich. In Österreich wurde laut einer Website (http://www.europeana-local.at/) bereits 2006/07 mit dem Aufbau eines "Serviceportals zum Harmonisieren und Aggregieren von Daten aus lokalen und regionalen Wissenschafts- und Kultureinrichtungen" begonnen, die in das Europeana einfließen sollen. Deutschlands Beitrag macht nach aktuellsten Angaben erst rund ein Prozent der virtuellen Kollektion aus. Länder wie Malta, Dänemark oder Bulgarien liegen deutlich darunter.

Ein ureigener kulturpolitischer Bereich

"Wir können und dürfen den Ländern nicht bei der Digitalisierung helfen, das ist ein ureigener kulturpolitischer Bereich", sagt Kommissionssprecher Martin Selmayr. Die EU will in den kommenden zwei Jahren aber weitere 119 Millionen Euro bereitstellen, um die Erforschung und Entwicklung von Technologien zur Digitalisierung voranzubringen. Die Slowakei habe mit dem Geld zum Beispiel einen früheren Militärkomplex mit drei Robotern ausgestattet, die Buchseiten automatisch einscannen.

Die digitalisierten Objekte werden von einem Team aus Archivaren, Bibliothekaren und IT-Spezialisten in der Königlichen Bibliothek in Den Haag geordnet, vernetzt und auf Europeana bereitgestellt. Was auf die Plattform gelangt, entscheiden die Museen selbst. Sie stehen auch dafür gerade, dass das Urheberrecht beachtet wird. "Wir müssen einen entscheidenden Schritt unternehmen, um ein Schwarzes Loch im 20. Jahrhundert zu vermeiden", sagt die Direktorin von Europeana, Jill Cousin. Es müssten Lösungen gefunden werden, damit etwa auch Filme aus den 30er Jahren auf Europeana abgespielt werden können.

Bisher sind freilich nur ein Prozent aller europäischen Kulturgüter digitalisiert

Für den Unterhalt des Portals zahlt die Kommission pro Jahr zwei Millionen Euro, die Länder schießen insgesamt noch einmal 500.000 Euro hinzu. Bisher sind freilich nur ein Prozent aller europäischen Kulturgüter digitalisiert. Um die Zahl von zehn Millionen Werken bis 2010 zu erreichen, müssen die Staaten nach Schätzung der Kommission zusammen weitere 350 Millionen Euro in die Hand nehmen.

An einem ähnlichen Projekt ist bereits der US-Softwareriese Microsoft gescheitert. Die Gruppe hatte 2006 angefangen, eine Bibliothek aufzubauen. Nach 750.000 Werken und 18 Monaten Arbeit stellte das Unternehmen das Projekt wieder ein. Der Suchmaschinen-Betreiber Google hat einen längeren Atem: Sein 2004 in Angriff genommenes Projekt hat mittlerweile sieben Millionen Bücher digitalisiert.

Google

Doch die Vermutung, dass Europeana ein Rivale der digitalen Büchersammlung von Google werden könne, weist die Kommission weit von sich. "Europeana ist keine europäische Antwort auf ein kommerzielles Projekt", sagt Selmayr. "Genau wie ein Buchgeschäft und eine Bibliothek nicht in Konkurrenz stehen." Google biete eine fortgeschrittene Suchmaschine für Bücher, Europeana sei hingegen ein multimediales Museum. (APA)

 

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