Roma-Ehepaar mit Handgranate getötet

19. November 2008, 17:34
19 Postings

Zum zweiten Mal innerhalb zweier Wochen wurden in Ungarn zwei Roma ermordet - Die Hintergründe sind unklar, aber die Gewalt gegen diese Volksgruppe hat generell stark zugenommen

Unbekannte Attentäter haben in der Nacht zum Mittwoch am Rand der südungarischen Stadt Pécs (Fünfkirchen) ein Roma-Ehepaar ermordet. Zoltán P. (38) und seine Frau Mónika (31) saßen noch beim Fernsehen in ihrem einfachen Einfamilienhaus, als das Meuchelkommando eine Handgranate durch das Fenster des Wohnraums schleuderte. Die beiden Erwachsenen waren sofort tot. Ihre zwei Kinder überlebten, weil sie bereits geschlafen hatten und die Granatsplitter sie nicht trafen. Sie wurden mit schwerem Schock ins Krankenhaus gebracht.

Der Anschlag war bereits der zweite Mord an Roma in Ungarn innerhalb von zwei Wochen. Am 3. November hatten Unbekannte eine Roma-Siedlung in der ostungarischen Ortschaft Nagycsecs mit Molotow-Cocktails und Schrotflinten angegriffen. Dabei waren zwei Roma getötet worden.

Aggressives Geldeintreiben

Die Opfer von Nagycsecs lebten dermaßen im Elend, dass Roma-Vertreter und Experten von einem rassistischen Hintergrund für die Tat ausgingen. Die Polizei hatte damals die Vermutung geäußert, dass Wucher-Kredite eine Rolle gespielt haben könnten. Die mitunter aggressive Art, mit der die Schulden eingetrieben werden, hatte aber nie dieses Niveau der Gewalt erreicht. Über den Stand der Ermittlungen wurde seitdem nichts Greifbares bekannt.

Beim Anschlag von Pécs wollte die Polizei rassistische Motive von vornherein ausschließen. Zoltán P. war im Gebrauchtwagen- und Ersatzteilhandel tätig, einem Gewerbe, das in Ungarn gelegentlich Berührungspunkte mit der organisierten Kriminalität aufweist. Das Mordopfer sei der Behörde "auf Grund seiner Lebensweise" bekannt gewesen, äußerte sich ein Polizeisprecher kryptisch.

Von Vorstrafen hörte man allerdings nichts. Im Vergleich zu anderen Roma dürften die P.s in einem bescheidenen Wohlstand gelebt haben. Reich waren sie aber, sieht man sich ihr aus der Zeit des "Gulaschkommunismus" stammendes schlichtes "Würfelhaus" an, gewiss nicht.

Protest von Roma-Vertretern

István Kovács, Roma-Vertreter im Komitatsrat von Baranya, forderte die Behörden am Mittwoch auf, bei ihren Ermittlungen auch rassistischen Motiven nachzugehen. "Die Ermordeten waren keine Verbrecher, sondern eine arme Familie" , trat er der Argumentationslinie der Polizei entgegen.

Behörden und Politik stehen in der Tat unter Erklärungsdruck. Die Mordanschläge von Pécs und Nagycsecs sind nur die Spitze eines Eisberges. In den vergangenen Monaten hat die Gewalt gegen Roma - Brandanschläge, Sachbeschädigungen - in Ungarn massiv zugenommen. Die Roma-Vertreter führen dies darauf zurück, dass jüngst erstarkte rechtsextreme Organisationen wie die Ungarische Garde frei aufmarschieren und gegen die Roma hetzen können. (Gregor Mayer aus Budapest/DER STANDARD, Printausgabe, 20.11.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Polizei und Anrainer vor dem Tatort in Pécs. Die Täter haben eine Handgranate durch das Fenster in den Wohnraum geworfen.

Share if you care.