"Kein Verständnis für Kritik an russischem Gas"

19. November 2008, 17:10
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Gasprom sei von jeher ein verlässlicher Partner. Kritik aus dem Westen sei unangebracht, sagt Vizechef Alexander Medwedew im E-Mail-Interview

Standard: Wie schwer ist Gasprom von der Finanzkrise betroffen?

Medwedew:
Wie jedes andere Unternehmen hat auch Gasprom die globale Finanzmarktkrise zu spüren bekommen. Nichtsdestotrotz machen wir uns keine Sorgen um unsere finanzielle Position oder unsere Fähigkeit, weitere Finanzierungslinien mit ausländischen Banken aufzunehmen, obwohl die Kreditkosten gestiegen sind.

Standard: Der Aktienkurs von Gasprom ist stark gefallen, die Marktkapitalisierung deutlich niedriger als noch im Sommer. Werden Investitionsprojekte zurückgestellt?

Medwedew:
Die Gasprom-Aktie war bereits vor der Finanzkrise deutlich unterbewertet, was sich angesichts der Turbulenzen auf den Finanzmärkten jetzt verstärkt fortschreibt. Nichtsdestotrotz werden unsere Exporteinnahmen heuer wieder Rekordhöhen erreichen, Wir haben genug finanzielle Ressourcen, um unsere ambitionierten Pläne umzusetzen.

Standard: Welche Auswirkung haben die verschlechterten Rahmenbedingungen auf die geplante South-Stream-Gasleitung am Boden des Schwarzen Meeres?

Medwedew: Das Projekt befindet sich in der Vorbereitungsphase und es liegen noch nicht alle relevanten Vereinbarungen vor. Daher sind derzeit nur Rahmengrößen bekannt, die von der Finanzkrise nicht berührt werden. Der Bau von Versorgungspipelines ist zudem eine langfristige Investition.

Standard: Schon im Juni war von einer Regierungsvereinbarung zwischen Russland und Österreich die Rede, um den Bau der South Stream auch auf österreichischem Territorium zu fixieren. Wieso diese Verzögerung?

Medwedew:
Schon heute ist Österreich eine der wichtigsten Erdgasdrehscheiben Europas, und der Bau von South Stream würde diese herausragende Position nochmals untermauern. Dies ist selbstverständlich auch im Interesse der österreichischen Regierung. Der gemeinsame Ausbau des Erdgasknotens Baumgarten mit der OMV und die Errichtung gewaltiger Gasspeicher, etwa in Haidach, demonstrieren zugleich die Verbundenheit der Gasprom mit dem österreichischen Markt. Dass bei Milliardenprojekten der Teufel oft im Detail steckt, kann auch niemanden überraschen. Beide Seiten wollen South Stream gemeinsam zum Erfolg führen.

Standard: Mit dem von der EU forcierten und von der OMV vorangetriebenen Pipelineprojekt Nabucco, das Europa Gas aus dem kaspischen Raum sichern soll, hat die Verzögerung nichts zu tun?

Medwedew: Nein, South Stream und Nabucco sind eigenständige Projekte. Wir konzentrieren uns bei der Projektplanung nur auf unsere wirtschaftlichen und technischen Kennzahlen, nicht auf das, was andere machen. Angesichts des erwarteten Nachfragewachstums betrachten wir Nabucco ohnehin nicht als einen Rivalen.

Standard: Verstehen Sie, dass Europa seine Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern möchte?

Medwedew: Natürlich hat Europa das Recht, seine Energieimporte zu diversifizieren, so wie ja auch Gasprom den wachsenden Energiebedarf etwa in Asien oder Amerika nutzen wird, um neue Absatzmärkte zu erschließen. Wofür ich allerdings kein Verständnis habe, ist die gelegentlich propagierte Meinung, dass alles besser sei, als russisches Gas zu importieren. Seit Jahrzehnten ist Gasprom Garant für Energiesicherheit in Österreich und Europa. Wer russisches Gas zu extrem wettbewerbsfähigen Preisen nicht will, muss auch Alternativen benennen und sagen, welche Auswirkungen das auf wichtige Faktoren wie Versorgungssicherheit und Energiepreise hätte.

Standard: Können Sie ausschließen, dass es heuer neuerlich Probleme bei der Durchleitung von Gas über ukrainisches und weißrussisches Gebiet geben wird wie in den vergangenen Wintern?

Medwedew: Diese Frage sollten Sie diesen beiden Ländern selbst stellen. Gasprom steht in einem ständigen, konstruktiven Dialog mit unseren Partnern in der Ukraine und Weißrussland. Wir gehen davon aus, dass unsere Geschäftspartner ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllen und das gelieferte Gas auch bezahlen werden. Weil dem so ist, rechnen wir auch mit keinen Problemen.

Standard: Wird der Anteil Europas an den russischen Gasexporten 2020 niedriger als heute sein?

Medwedew: Klar ist, dass der europäische Gasbedarf in diesem Zeitraum drastisch steigen wird. Wir gehen daher davon aus, dass wir 2020 deutlich mehr Gas an Europa verkaufen als gegenwärtig. Europa bezieht heute den Löwenanteil unserer Gasexporte. Dies wird auch in Zukunft so bleiben, trotz verstärkter Aktivitäten der Gasprom in Asien und Amerika.

Standard: Ist es nicht an der Zeit, dass der Gaspreis vom Ölpreis entkoppelt wird?

Medwedew: Wer glaubt, dass das zu einer niedrigeren Rechnung beim Endverbraucher führen wird, irrt. Ein Vergleich der europäischen Gaspreisentwicklung mit den erratischen Preisschwankungen an den amerikanischen und britischen Gasbörsen beweist, dass frei bewegliche Gaspreise im Durchschnitt nicht unbedingt niedriger, dafür aber höchst volatil sind. Spekulanten mögen dies befürworten, der Endkunde kann davon aber nicht profitieren. Die europäische Preisformel hingegen beinhaltet einen Mechanismus zur Nivellierung der großen Schwankungen. Gleichzeitig sind es auch die langfristigen Lieferverträge, die Planungssicherheit gewährleisten, zu einer stabilen europäischen Energieversorgung beitragen und den Gasmarkt vorhersehbar machen. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2008)

ZUR PERSON:Alexander Medwedew (53; nicht verwandt mit Staatschef Dmitri Medwedew) ist seit April 2005 Vizechef von Gasprom. Der aus Sachalin stammende Medwedew ist seit 2002 auch Generaldirektor der Außenhandelstochter Gasexport.

Wissen: Gasprom ist das weltgrößte Erdgasförderunternehmen. Im Vorjahr hat der ehemalige Staatskonzern gut 550 Mrd. m3 Erdgas produziert. Das Gas wird an rund 30 Staaten geliefert. Österreich, das 1968 als erstes Land in Westeuropa einen Gasliefervertrag mit Russland abgeschlossen hat, bezieht rund 60 Prozent seines Gasbedarfs von Gasprom.

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    Beschwört die Länder in Kontinentaleuropa, bei Gas nicht von der Bindung an den Ölpreis abzurücken: der Vizechef von Gasprom, Alexander Medwedew.

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