Quants – Die Computer müssen noch lernen

19. November 2008, 15:59
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Wie die Finanzkrise zeigt, können nämlich auch Computersysteme dem Herdentrieb erliegen

An der Börse geht es um Umsätze und Kosten, um Gewinne und Verluste, um Wirtschaftswachstum und Rezession, also alles in allem um Fakten und Zahlen. Kein Wunder, dass im Film "Wall Street" der Investor und Paradebösewicht Gordon Gecko mit der Lektion aufwartet, wegen einer Investition nie emotional zu werden. Doch in der Realität scheinen nur wenige Investoren seinem Rat zu folgen. Denn die Börse wird mitunter stark von den Emotionen der Marktteilnehmer getrieben.
Quants lassen sich jedoch nicht von Emotionen leiten. Sie analysieren kalt und berechnen genau. Sie können sich nicht in eine Aktie "verlieben" oder - wie Starinvestor Warren Buffett empfiehlt - sie "für immer" halten. Erfüllt eine Aktie vorgegebene Kriterien nicht mehr, wird sie abgestoßen. Quants sind die diszipliniertesten Investoren - denn es sind Computer.
Vollautomatisch durchforsten sie tausende Datenbanken auf der Suche nach der richtigen Aktie und investieren nur, wenn das Modell, das dem Investmentprozess zugrunde liegt, auch wirklich eine Aktie ausspuckt.
Quantitative Modelle spielen eine immer größere Rolle bei Fonds und in Investmentgesellschaften. Der Grund: Über Jahrzehnte ha-ben Wirtschafts- und Sozialwissenschafter typische menschliche Phänomene an der Börse untersucht. Das Ergebnis: Menschen verhalten sich, auch wenn es ums Geld geht, oft einfach nur menschlich. Sie folgen einem Herdentrieb, können sich nur schwer von einer Investition trennen und versuchen, von der Kursentwicklung in der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen.

Fondsmanager passiv engagiert

Die Computermodelle sollen so ein Verhalten verhindern. Der Fondsmanager nimmt dabei nicht mehr die aktive Aufgabe der Titelauswahl wahr, sondern ist passiv engagiert und kümmert sich vor allem um die Weiterentwicklung der Modelle. Während vor allem kleine Fondsgesellschaften auf Quant-Modelle setzen, die klassische Variablen wie Bewertungen anhand der Kurs-Gewinn-Verhältnisse, des Bestands an Bargeld und der Gewinnaussichten berücksichtigen, setzten große Häuser in den vergangenen Jahren auf Quant-Hedgefonds.

Doch diese Fonds haben im vergangenen Sommer gezeigt, dass das menschliche Moment auch in diesen Produkten bleibt. Im August 2007 haben dutzende Fonds, die bis dahin von Investoren gefeiert wurden, innerhalb weniger Tage mehr als 20, oft auch über 30 Prozent verloren. Die Fonds haben sich ähnlich wie eine Herde verhalten. Da die Modelle und die Kennzahlen, die von den Fondsmanagern vorgegeben werden, oft sehr ähnlich sind, halten viele Quants dieselben Werte.

Wegen der Finanzkrise mussten einige Fonds Gelder abziehen, was die Aktien, die im Portfolio waren, unter Druck setzte. Andere Quants fielen daher "durch ihre Stops" . Sie mussten also Werte verkaufen, deren Preis unter ein gewisses Niveau gefallen war. Damit sind auch Quants zu Herdentieren geworden.(Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11.2008)

 

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