"EU muss viel mehr Militärschiffe zur Verfügung stellen"

19. November 2008, 16:48
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Cyrus Mody vom Piracy Reporting Center im derStandard.at-Interview über hierarchische Strukturen der Piraten, wirkungslose internationale Lösungsversuche und Islamisten

Somalia ist ein von Bürgerkrieg, Naturkatastrophen und Ausbeutung zerrüttetes Land am Horn von Afrika. In dem gesetzlosen Staat ist die einzige Perspektive für Fischer oft, sich zu Piraten umschulen zu lassen. In letzter Zeit blüht Somalias Piratenindustrie besonders. Die Freibeuter werden dreister, die Strukturen weiten sich aus. Cyrus Mody vom Piracy Reporting Center, erklärt im derStandard.at-Interview, wie man seiner Meinung nach die Piraterie am Horn von Afrika  zurückdrängen könnte. Dass der EU-Mission dieses Unterfangen gelingen wird, bezweifelt er. Es müssten um einige mehr Militärschiffe zusätzlich patrouillieren, um hier Erfolg zu haben.

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derStandard.at: Mehr als 75 Schiffe wurden dieses Jahr bereits von Piraten angegriffen. Derzeit sind 15 Schiffe, die am Horn von Akrika entführt wurden, noch in der Gewalt von Piraten, darunter ein ukrainisches Schiffs mit Kampfpanzern? Nimmt die Zahl der Piratenüberfälle zu?

Mody: Weltweit gesehen bleibt die Anzahl der Piratenüberfälle gleich. In der Region vor Somalia ist allerdings ein eklatanter Anstieg zu bemerken. Auch die Gewalt nimmt zu. Die Piraten gehen brutaler vor, nehmen öfter Geiseln und verlangen ein viel höheres Lösegeld als in den Jahren davor.

derStandard.at: Seit dem Sturz der autoritären Regierung befindet sich Somalia im Krieg zwischen islamistischen Milizionären, äthiopischen Besatzertruppen und Soldaten. Die Übergangsregierung funktioniert nicht. In weiten Teilen herrschen lokale Clans, im ganzen Land herrschen chaotische Zustände. Welche Rolle spielt die Piraterie in der Finanzierung dieses Krieges?

Mody: Wir haben keinerlei konkrete Beweise, dass es hier Verbindungen gibt. Weder was die Involvierung der Islamisten noch der Regierung betrifft. Wie jeder andere Bereich der organisierten Kriminalität gibt es in der Piraterie natürlich auch eine strenge Hierarchie mit Bossen, Informanten und Handlangern.

derStandard.at: Die 10 bis 15 Kriegsschiffe der Nato, die bisher die Handelswege im Golf von Aden bewachen, sind hilflos gegen die Piraten, selbst Schiffe mit Hilfsgütern für die Bevölkerung kommen oft nicht mehr durch. Kann die geplante EU-Mission mit ihren zusätzlichen sechs Schiffen sowie einigen Flugzeugen hier einen Wandel bringen?

Mody: Somalia ist derzeit viel zu instabil, um von dem Land irgendwelche Konsequenzen zu fordern. Das Problem kann nur in einer gemeinsamen Anstrengung der internationalen Regierungen gelöst werden. Wenn die Mutterschiffe der Piraten gezielt ins Visier genommen werden, diese Schiffe und die Waffen konfisziert werden, dann sind die Piraten dadurch empfindlich und anhaltend geschwächt. Wir wissen, wie die Mutterschiffe ausschauen und haben auch Beispiele dafür auf unserer Website. Das sind Schiffe, die ein bis zwei Motorboote mitführen, sich nicht in den üblichen Handelsrouten befinden. Sie sind also im Prinzip leicht auszumachen.

Eine empfindliche Störung ihrer Aktivitäten kann natürlich keine dauerhafte Lösung sein, sondern gibt den internationalen Regierungen nur Zeit, eine Strategie auszuarbeiten. Und man bräuchte auf alle Fälle einige Schiffe mehr, als die EU nun zur Verfügung stellt.

derStandard.at: Wie viele?

Mody: Um einige mehr.

derStandard.at: Was kann eine dauerhafte Lösung sein?

Mody: Langfristig muss man natürlich an der Stabilisierung der Verhältnisse in Somalia arbeiten. Das wird aber ein langwieriges Unterfangen sein. Würde man das abwarten wollen, sind die Haupthandelsrouten durch den Golf von Aden schon längst nicht mehr vorhanden, der wirtschaftliche Schaden wäre enorm.

derStandard.at: Vor zwei Jahren gab es einen kurzfristigen Stillstand der Piratenüberfälle, als die Islamisten die Hauptstadt Mogadischu eingenommen hatten.

Mody: Hier gibt es eine direkte Verbindung. Die Islamisten duldeten keine Piraterie und drohten mit ernsthaften Strafen. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 19.11.2008)

Das Piracy Reporting Centre des International Maritime Bureau in Kuala Lumpur wurde 1992 gegründet. Die NGO sammelt Meldungen über Piraterie und wertet sie aus. Außerdem hilft es bei der Suche nach geraubten Schiffen. Das International Maritime Bureau (IMB) ist eine spezialisierte Abteilung für Kriminalität auf See der Internationalen Handelskammer (International Chamber Of Commerce (ICC)) mit Sitz in London.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Patrouille der US-Navy.

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