Stromfresser Internet?

20. November 2008, 13:42
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Google muss nicht schwarz werden: Energieexperte Claus Barthel räumt im derStandard.at-Interview mit Gerüchten auf und informiert über Grünes Internet

Auf der globalen Stromrechnung sticht eine Zahl heraus, die für Aufregung sorgt: In den vergangenen Monaten überschlagen sich die Meldungen über den drastischen Energieverbrauch von Internet. So verbrauche eine virtuelle Figur bei "Second Life" durchschnittlich 1750 Kilowattstunden pro Jahr und damit mehr als manche realen Menschen. Und allein "Youtube" produziere so viel Datenverkehr wie das gesamte Internet vor zwei Jahren.

Die Ideen, um dem gegenzusteuern, muten teilweise skurril an: Schwarzer Hintergrund bei Google verbrauche zum Beispiel weniger Energie. "So ein Unsinn", meint Claus Barthel vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Im derStandard.at-Interview räumt er mit Gerüchten und Falschmeldungen auf, gibt den Konsumenten Tipps und erklärt, warum Grünes Internet auch den Providern etwas nutzt.

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derStandard.at: Wieviel Energie frisst das Internet? In einigen Artikeln wurde geschrieben, dass es so viel verbraucht, wie der Flugverkehr.

Claus Barthel: Das ist definitiv nicht richtig. Das wurde aber auch nie von Wissenschafter-Seite behauptet - da handelt es sich um einen Übersetzungsfehler. Die IT-Beratungsfirma Gartner aus den USA hat die Auswirkung von Informations- und Kommunikationstechnologie untersucht - teilweise inklusive Produktion und Entsorgung. In der Pressemitteilung wurde geschrieben, dass alles zusammen so viel wäre, wie der Flugverkehr: Fernseher, Drucker, Computer, Handys und so weiter. Internet ist also nur ein Teil davon. Es gibt eine Schätzung des Umweltbundesamt Deutschland, dass ein Viertel die Größenordnung sein könnte. Aber nachgerechnet hat es keiner, das ist durch keine Studie untermauert.

derStandard.at: Sind die Berechnungsmöglichkeiten begrenzt?

Barthel: Ja, das ist relativ schwierig abzuschätzen. Wir haben 2000/2001 versucht, das zu berechnen. Dazu muss man aber wissen, wie lange jemand vor dem Rechner sitzt und surft und wie lange er andere Sachen am Computer macht.

Die Infrastruktur kann man allerdings nachrechnen: Die Server und Rechenzentren, die nur für das Internet da sind, können dokumentiert werden. Wir haben damals abgeschätzt, dass zwei bis fünf Prozent an Steigerung im Energieverbrauch möglich ist, wenn so weitergemacht wird, wie bisher.

derStandard.at: Wie wird die Entwicklung ihrer Meinung nach weiter gehen? Ist es nicht auch möglich, dass Firmen, die große Rechenzentren betreiben, umstellen - allein aus Kostengründen?

Barthel: Ja, auf jeden Fall. Die Firmen brauchen ja nicht nur Energie für die Rechner, sondern auch für die Klimaanlagen, die noch einmal so viel brauchen. Die Wärme, die produziert wird, muss wieder weggebracht werden. Und ein weiterer Aspekt kommt dazu: Wenn die Geräte nicht so viel Wärme produzieren, können mehr in einem Raum untergebracht werden. Das spart Platz. Da spielen also viele Faktoren zusammen, die dazu führen, dass gerade Rechner in Rechenzentren effizienter werden und weniger Strom verbrauchen.

derStandard.at: Stichwort Grünes Internet: Gibt es da schon Ansätze von Seiten der Provider, wie man das umweltfreundlicher gestalten kann?

Barthel: Strato, das ist ein großer Provider in Deutschland, ist dazu übergegangen, Grünen Strom zu kaufen. Das ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Ein kleinerer Provider kauft bei Greenpeace Energy den Strom. Da geht etwas weiter, weil der Grüne Strom ja kaum noch teurer ist und das gut für das Image ist.

derStandard.at: Was kann man als einfacher Konsument machen, um das eigene Verhalten in dem Bereich zu kontrollieren?

Barthel: Wir haben bei der Untersuchung damals festgestellt, dass der Hauptanteil des Stromverbrauchs im Internet bei den Endnutzern passiert. Das ist zwar bei jedem wenig, aber durch die Menge an Nutzern, spielen sie die Hauptrolle. Es ist ja auch so, dass gerade durch Dinge wie „flat rate" die Rechner gar nicht mehr abgestellt werden.

Zumindest der Bildschirm gehört aber bei Pausen ausgeschalten. Die LCD-Bildschirme laufen zwar schon deutlich sparsamer, aber trotzdem: Sie brauchen noch eine Menge an Strom, der, wenn man nicht auf den Schirm schaut, unnütz ist.

Wenn man Rechner nicht braucht, gehören sie vollkommen abgestellt und mit einer Steckerleiste vom Stromnetz getrennt. Denn die Geräte, auch die Peripherie wie Drucker, verbrauchen weiterhin Strom, wenn sie ausgeschalten sind. Das ist zwar nicht so viel, aber immerhin so fünf bis zehn Watt.

derStandard.at: Ist an schwarzem Internet etwas dran? Es gibt die Diskussion, dass man zum Beispiel den Hintergrund von Google schwarz macht mit weißer Schrift.

Barthel: Das ist ein Unsinn. Das hatte vielleicht einmal bei den Röhrenbildschirmen Gültigkeit, da dort tatsächlich mehr Elektronen auf die Mattscheibe geflogen sind, wenn das Feld weiß war. Die LCD-Bildschirme funktionieren ja anders. Da gibt es eine Hintergrundbeleuchtung, wir schauen quasi wie auf ein Dia. Die Lampen werden also nicht geändert, ob der Bildschirm schwarz oder weiß ist. Das macht also keinen Unterschied. (Julia Schilly, derStandard.at, 21. November 2008)

Zur Person

Claus Barthel

Weitere Informationen

Mit Hilfe von Greenpeace und deren "CO2-freien E-Mail-Adressen" klimaschonend surfen und Speicherplatz auf Servern nutzen, die mit Ökostrom betrieben werden

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    Nicht unnötig aussaugen lassen: Wenn der Computer abgeschalten ist, zahlt es sich aus, mit einer Steckerleiste auch alle übrigen Geräte vom Stromnetz zu trennen

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