"Weil ich so durcheinander bin"

3. März 2003, 00:14
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Warum die Dame Punk ist: Nina Hagen dokumentiert ihr Leben

Nein, masturbiert hat Nina Hagen auf der "Club 2"-Couch nicht. Um ein seit mittlerweile 24 Jahren hartnäckig kursierendes Missverständnis ein für alle Mal auszuräumen: Was Nina Hagen am Abend des 29. August 1979 tat, war in Wirklichkeit Nachhilfeunterricht in Sachen Feminismus und zu jener Zeit entsprechend wichtig. Abgesehen davon: Die eigentliche Provokation kam ohnehin vom Kärntner Schriftsteller Humbert Fink, der sich genervt vom "ewigen Gejeiere der Frauen" fühlte: Nina quittierte die Bemerkung mit einem saftigen "Halt's Maul, du Saftsack, depperter!" und führte schließlich vor, wie Frauen tun müssen, damit "es" ihnen gut tut. Dieter Seefranz, der umgehend suspendierte Diskussionsleiter sprach von einer "lebendigen Sendung". Er hatte Recht: Nie wieder war Fernsehen unberechenbarer.

In der nun vorliegenden, 500 Seiten starken Biografie "That's Why the Lady Is a Punk" ist die "Club 2"-Episode in Zeitungsausschnitten umfassend protokolliert. Schon damals verteidigte die Unbelehrbare ihre schändliche Tat: "Da musste man ja ausrasten."

1979 war wahrscheinlich das kommerziell erfolgreichste Jahr von Nina Hagen. Ein Aufstieg, der sich innerhalb kurzer Zeit vollzog. Nur drei Jahre hatte die gebürtige Ostberlinerin gebraucht, um die Westler aufzumischen. Die Provokationen gehörten zur Außenwirkung, denn Nina Hagen ist bei all ihrer Faszination für Ufos und Spiritualität politisch geprägt.

Untrennbar mit ihrer Biografie verbunden sind nämlich die Entwicklungen innerhalb des geteilten Deutschland. Eine Art "Geschichte von unten" wird da mit vielen Fotos und Originaldokumenten erzählt: Der erste Hit der 1955 geborenen Ostberlinerin hieß "Du hast den Farbfilm vergessen", und den kannte in der DDR jedes Kind. Nina Hagen war, ebenso wie ihre Mutter, in der Heimat ein großer und schwerstens angepasster Star. Zumindest vorerst, was den DDR-Bonzen nicht lange verborgen blieb, wie Auszüge aus Stasiprotokollen belegen: "Sybille teilt Nina mit, dass am Donnerstag in Lichtenberg eine Demonstration gegen den Krieg in Vietnam stattfindet. Nina stellt fest, dass das eigentlich eine Aufgabe für sie beide ist. Nina fragt Sybille, ob sie meint, dass das das Richtige ist. Sybille bestätigt das und fügt wortwörtlich hinzu: ,Extra für die Stasi!' Sie wollen sich am Donnerstag gegen 16 Uhr bei Nina treffen."

Das Aufbegehren hatte Konsequenzen. In Abhörprotokollen, wonach Nina einer Freundin erzählte, dass sie versuchen will, in Rostock an der Schauspielschule vorzusprechen, wurde handschriftlich vermerkt: "VERHINDERN!"

Durch die Beziehung ihrer Mutter mit dem Liedermacher Wolf Biermann ändert sich das Bild noch dramatischer: "Die Institutionen sind von vorn bis hinten vom Stalinismus bzw. von Dogmatismus durchtrieben. Es stinkt zum Himmel. In mir kocht die Revolution", schreibt sie im August 1975 in typischer Biermann-Diktion.

Sie stellt einen Ausreiseantrag und landet im Dezember 1976 in Westberlin: "Mutti, ich bin im Westen. Ich habe mir Zigaretten aus einem Zigarettenautomaten geholt zu zwei Mark. Ich habe nicht gewusst, wie das funktioniert und ein Mann hat mir geholfen. Und als ich vorhin auf der Straße einen Mann fragte, ob er 20 Mark wechseln könnte habe ich bemerkt dass er besoffen war. (...) Ich kann gar nicht richtig schreiben weil ich so durcheinander bin und das geht bis in die Hände. Hier ist alles so groß und ich habe das Gefühl dass ich tagelang in der Stadt rumlaufen könnte und keiner würde mich vermissen. (...) Was soll ich'n machen? Wo will ich'n eigentlich hin, ich kenne leider noch keinen." Alles so schön bunt hier, eben.

Das Leben im Umbruch der Welten, die Faszination für den westlichen Überschwang. Die erste Aktion der 21-Jährigen: Sie verschlingt Unmengen von Schokolade und nimmt prompt sieben Kilo zu. "Und diese scheiß Schokolade macht einen fetter und fetter und fetter ...", singt sie kurz später in "TV-Glotzer".

Mehr als die Hälfte des Buches nehmen die frühen und zweifellos interessantesten Jahre im Leben der schrillen Sängerin ein. Was nach dem Bruch mit der Nina-Hagen-Band - die Formation war später unter dem Namen Spliff erfolgreich - kam, gilt als Draufgabe für ein immer weniger fassbares Wesen. Spiritualität und die ganze Palette großer Gefühle kennzeichnen ihre Biografie seither. Die musikalische Karriere interessierte das Ausnahmetalent immer nur zwischendurch. Wichtiger als alles andere war Nina Hagen stets ihre Autonomie. Die sich wiederholenden Trennungen von Managern, Musikern und auch Liebhabern sowie ihre Zuwendung zur Religion sind Ausdruck einer lebenslangen, leidenschaftlichen Suche nach sich selbst. Deshalb ist Nina Hagen heute zwar gern gesehener Gast in TV-Talkshows, mehr als die Rolle eines Pausenclowns will man ihr aber selten zugestehen. "Man kann auch Spaß an der Ernsthaftigkeit haben", bemerkte sie einmal. Doch so genau will die Unterhaltungsmaschinerie nicht hinhören.

24 Jahre später jedenfalls gibt es immer noch keinen Auftritt Nina Hagens im heimischen Fernsehen, bei dem die "Mutter des Punk" (Eigendefinition) nicht über den ersten (und in seinen Konsequenzen bis heute unerreichten) TV-Skandal Auskunft geben müsste. Zuletzt etwa bei ORF-Talkerin Vera. Man müsse sich doch wehren gegen solche Ausbrüche, antwortete Nina. Und korrigierte bei der Gelegenheit einmal mehr das unvermeidliche Missverständnis von der Selbstbefriedigung damals im "Club 2". (Von Doris Priesching/DER STANDARD, Printausgabe, 01.03.2003)

Nina Hagen, Marcel Feige, That's Why the Lady Is a Punk. € 59,90, 500 Seiten. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2003
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