Schwan aus den Trümmern Berlins

5. März 2003, 21:14
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In der Stalinallee, dem einstigen Vorzeigeboulevard im Osten Berlins, soll neues Leben blühen

Der weiße Schwan, der aufsteigt aus den Trümmern Berlins" - so poetisch konnte man vor 50 Jahren als Architekt noch sein, wenn ein Wohnhaus übergeben wurde. Hermann Henselmann, der 1953 das von ihm entworfene Hochhaus an der Weberwiese am östlichen Ende der Stalinallee so beschrieb, war ansonsten Pragmatiker. Von ihm, dem Chefarchitekten Ostberlins, stammen auch die zwei Hochhaustürme am Strausberger Platz, in einem, genannt "Haus Berlin", starb er 1995 - da prangte schon weithin sichtbar der Schriftzug Coca-Cola auf dem Dach. Andere Zeiten hatten begonnen - auch für die einstige Stalin-, die heutige Karl-Marx-Allee? Wendepunkt, Aufbruch, Zukunft: Auf eines von diesen wartet diese Straße noch immer.

Im November 1952 fing hier alles mit dem Nationalen Aufbauprogramm der DDR an. Die Neubebauung in der Stalinallee war Prestige-und Renommierobjekt. Am 21. Dezember 1949, Stalins 70. Geburtstag, war ihm zu Ehren die Frankfurter Allee umbenannt worden. Es wurde aller Ehrgeiz darein gesetzt, die Bauten binnen zwei Jahren hochzuziehen und die Ladengeschäfte laut Planvorgabe zu eröffnen, was im Herbst 1953 auch tatsächlich geschah, nicht zuletzt durch den Einsatz von rund 100.000 Freiwilligen, die sich so das Anrecht erarbeiteten, an der Verlosung der begehrten Wohnungen teilzunehmen.

Platz zum Bauen war genug da. Von der einstigen dichten Bebauung war im Sommer 1945 kaum noch etwas vorhanden: "berlin, eine radierung churchills nach einer idee hitlers. Berlin, der schutthaufen bei potsdam", schrieb Bertolt Brecht damals. "Es wächst in Berlin, in Berlin an der Spree/ Ein Riese aus Stein in der Stalinallee", so lautete wenige Jahre später eine Strophe aus einem Kinderlied. Und riesig sind die Dimensionen dieser "First Avenue der Fünfziger" (Tilo Köhler), dem einzigen Boulevard, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa entstand: der Straßenraum zwischen 80 und 115 Metern breit, die Blöcke 100 bis 280 Meter lang, 5000 Wohnungen, sechs Verkehrsspuren, im direkten Einzugsgebiet 65.000 Anwohner.

Der "Zuckerbäckerstil", eine Mischung stalinistischer Architektur mit klassizistischen Elementen, entsprach der so genannten Nationalen Tradition. "Wir wollen in Berlin keine amerikanischen Kästen und keine Bauten im Hitlerschen Kasernenstil mehr sehen", dekretierte Walter Ulbricht 1950.

Nur wenige Jahre später kam die Kehrtwende. Der jüngere Teil der Allee besteht aus industriell vorgefertigten, schmucklosen Wohnblöcken. Dazwischen gestreut weiße, modernistische Versorgungsbauten und das Kino International. Und international sollte dieser Boulevard sein: Jedem sozialistischen Bruderstaat war eine Restauration gewidmet. So gab es das Restaurant Budapest, das Café Warschau und das Café Moskau - Letzteres selbstredend das größte mit 700 Plätzen.


Zehn Jahre hat es gedauert, bis der Pächter Wolfgang Höcherl, der es 1992 übernahm, die letzten Spuren des Umbaus aus dem Jahr 1982 beseitigen konnte. Heute wirkt es licht, hell, und die Großskulptur von Fritz Kühn im Foyer gibt noch immer Rätsel auf, ob sie nun Globus sein soll oder Lebensbaum. Noch im Oktober 1989 standen Honecker und Mielke bei der Feier des 40. Jahrestages der DDR hier.

Im Keller des "Moskau" beginnt heute der Underground. Dort residiert seit einem Jahr das WMF, einer aus dem Kreis (halb) legaler Clubs, die den Weg zur bürgerlichen Rechtsform einschlugen. Den Namen hat es von den Württembergischen Metallfabriken, einer Gebäuderuine in der Leipziger Straße, seiner ersten Station vor zwölf Jahren. Es erweitert seine Kreise stetig: Ein Medienlabor kam dazu, ein Plattenlabel, Diskussionsforen, ein Internetradio-Festival. Alles entsprechend der Philosophie, die sich symbolisch über dem Haus erhebt. Denn über dem Dach thront eine Nachbildung des Sputnik, des ersten Satelliten, den die Sowjetunion im Oktober 1957 ins All schoss und der die Welt für immer verändern sollte.

In die Struktur der Straße hat in jüngster Zeit auch das Konzept eines großen Maklerbüros entscheidend eingegriffen: Aus der Paradiermeile soll der längste Tresen der Welt werden. Innerhalb eines Jahres sank der Leerstand bei Läden von 40 auf 15 Prozent - Tendenz weiter fallend. Die Renovierung der Bauten ist fast abgeschlossen. Die Außenfliesen stammen nicht mehr aus Meißen, halten aber aufgrund endlich vorhandener Hinterlüftung länger an den Häuserwänden als früher. Künstler, Architekten und Gutsituierte vornehmlich aus Ostdeutschland zieht es hierher. Wohnungsleerstand: null.

Die Zukunft der Allee ist der Kultur- und Architekturtourismus. Als Party- und Filmdrehort ist sie schon gefragt. Entsprechende Locations lassen sich ohne Probleme anmieten. Das denkmalgeschützte Gesamtensemble ist potenzierte Ironie für die Generation, der die Schichten der Historie zur Eventkulisse werden. Erst die Raver, Pre- oder After-Work-Clubber und entfesselten Techno-Thirtysomethings schaffen das dialektische Kunststück, die "konstruierten Pathosformeln und Energiesymbole zur Einheit von Denken, Wollen und Fühlen", so der Philosoph Odo Marquard, durch eigene, streng individualistisch-lustvolle Selbstaneignung einer wahrhaftigeren Freiheit zuzuführen. Vielleicht hat niemand genauer als sie August Bebel gelesen, der schrieb: "Die neue Gesellschaft will nicht proletarisch leben, sie verlangt als ein hoch entwickeltes Kulturvolk zu leben, und zwar in allen ihren Gliedern, vom ersten bis zum letzten."


Und was macht Stalin? Er, dessen Statue fast zehn Jahre an dieser Allee stand, hört den Breakbeats, dem Artnoise, dem Tekkno und anderen Pulsbeschleunigern nicht mehr zu. Einer der Handwerker, die 1961 die Standfigur demontierten und einschmolzen, steckte sich zur Erinnerung ein Ohr ein, das die kleine, diesen Sommer eröffnete Sonderausstellung im Café Sibylle veredelte. Seit kurzem klafft dort eine Lücke - gestohlen. Die Bronze wurde damals umgegossen zu einer Tierstatue, die im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde aufgestellt wurde. Keiner weiß mehr so genau zu sagen, ob es nun der Büffel ist oder der Bär.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.3.2003)

Von Alexander Kluy

Der Autor lebt und arbeitet als Publizist in Berlin; Schwerpunkte: Architektur, Design, Bildende Kunst, Kulturgeschichte. Er schreibt derzeit an dem Buch "Wer wohnte wo im historischen Wien" (erscheint Frühjahr 2004).
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