Väterchen unser

28. Februar 2003, 20:36
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Wie in den Dreißigerjahren Antifaschisten und eine Generation später manche "68er" zu Stalinisten geworden sind

Wenn Max Schneider an Stalin denkt, da fällt ihm ein Foto ein. Auf dem Bild ein nachdenklicher Mann mit freundlichem Gesichtsausdruck und mit Pfeife - es könnte sich auch um einen englischen Intellektuellen der 1930er Jahre handeln. "Er war für mich die Verkörperung des Willens einer Bewegung und eines Volkes", sagt Schneider. Grenzenloses Vertrauen hatte er in Stalins Kenntnisse, in sein Weltverständnis und in seine Redlichkeit gehabt - und dass er sich in all dem bitter getäuscht hatte, das ist ihm schon lange klar. Und dennoch fällt es ihm bis heute nicht leicht, den "Führer der Werktätigen" als Verbrecher zu bezeichnen: "Es geht mir noch immer schwer über die Zunge, auch wenn ich weiß, dass es wahr ist."

Max Schneider war Kommunist, und er stammte aus einer jüdischen Familie. Beides, Kommunist- und Jude-Sein, war 1939 im nationalsozialistischen Wien lebensgefährlich - seine Eltern und sein Bruder haben es auch nicht überlebt, sie sind von den Nazis umgebracht worden. Max Schneider flüchtete nach England und kämpfte in der britischen Armee. Während des Krieges war Stalin für ihn das Sinnbild des Kampfes gegen den Faschismus. Und damit war Schneider unter den Engländern, die von "Uncle Joe" gesprochen haben, nicht allein. Denn die Fronten auf der Welt waren klar: hie der Faschismus, also die Barbarei, und da der Rest der Welt, der gegen die Nazis kämpft. Die Sowjetunion war in diesem Kampf das Bollwerk gegen den Faschismus - konnte es da irgendwelche Zweifel an ihr geben?

"Wir haben", so erklärte es ein anderer Kommunist, "aufsteigendes Bewusstsein verdrängt, als gefährlich weggeschoben". Der vor einigen Jahren verstorbene Josef Meisel war im KZ Auschwitz gewesen, und ihm war, als einem der ganz wenigen, die Flucht aus Auschwitz geglückt. Jahre später - längst hatte er sich von der Kommunistischen Partei losgesagt - schrieb er in seinen Lebenserinnerungen, dass er die Schwierigkeiten im Widerstandskampf und seine Folterungen durch die Gestapo wohl nicht hätte überstehen können, wenn er nicht Halt im Glauben an die Sowjetunion und auch an Stalin gehabt hätte. "Das war es, was uns geholfen hat."

Es war die Tragik in der Biografie vieler österreichischer Antifaschisten, die mit dem Einsatz ihres Lebens im Widerstandskampf, in den KZs und im Exil für die Befreiung Österreichs vom Faschismus gekämpft haben: dass sie in diesem Kampf blind waren, ja blind sein mussten gegenüber den Zuständen in jenem Land, das die Hauptlast des Kampfes gegen Hitler-Deutschland trug - der Sowjetunion.

Für die Kommunisten galt der Spruch: "Wo die Sowjetunion steht, da ist unsere Orientierung". Und der Führer der Sowjetunion, das war Josef Stalin. Informationen, die ihr Weltbild erschütterten, wurden entweder als antikommunistische Propaganda abgetan, oder aber man griff, wenn die Dinge nicht zu leugnen waren, auf die alte Volksweisheit zurück: dass, wo gehobelt werde, Späne fliegen. Der politische Kampf erforderte strikte Parteidisziplin, und musste man nicht alle umstrittenen Maßnahmen aus der Bedrohung der Sowjetunion durch den Faschismus und den Imperialismus heraus verstehen? Und außerdem: würde jede Kritik daran nicht nur dem Feind nützen? Leopold Spira, das frühere ZK-Mitglied der KPÖ, hat seinen damaligen Umgang mit derlei Zweifeln festgehalten: "Ich verstehe nicht, was Stalin da sagte. Ich sehe die Dinge anders. Aber es ist doch viel wahrscheinlicher, dass Stalin, dass die KPdSU recht haben und nicht ich der Gescheitere bin. Ich muss mich also bemühen, umzudenken."

Und sie dachten um. Sie waren bemüht, das zu überwinden, was sie als ihre "bornierten Einzelinteressen" ansahen, ihren "kleinbürgerlichen Individualismus". Aber bei den Prozessen gegen Slansky in der Tschechoslowakei oder gegen Rajk in Ungarn - alles Genossen, die sie gut gekannt hatten -, da haben sie sich die Frage gestellt, ob sie das noch vertreten könnten. Sie hatten, so nannte das Josef Meisel, eine "Mauer im Kopf". Und Schmerzen im Bauch: "Das Bauchweh, das ich gehabt habe, habe ich irgendwie gewaltsam unterdrückt."

Die Generation seiner Eltern, schrieb einmal der Schriftsteller Robert Schindel, hatte den Stalin im Leib. Auch Schindel war in einer kommunistischen Familie aufgewachsen. Der Stalinismus, so sagt er, habe seine Kinderseele durchwachsen, der "Pepi-Onkel" - wieder der mit der Pfeife - war für ihn als Kind ein Idol gewesen, dem er sogar einmal einen Brief geschrieben hat. Und dann, zwei Jahrzehnte später, als junger Erwachsener, habe er offenbar noch so etwas wie einen stalinistischen "Nachschlag" gebraucht, meint Schindel ironisch. Wie viele aus seiner Generation war er beim Aufbruch von 1968 dabei gewesen. Er hatte eine der ersten Kommunen in Wien mitbegründet, und das Ziel begann sich, von der individuellen Emanzipation zur Emanzipation für alle zu wandeln, und das hieß damals "Sozialismus". Anfang der 1970er Jahre wandte sich ein Teil der 68er Generation dem Maoismus zu, dem spielerischen Antiautoritarismus folgte die Ernsthaftigkeit des Parteiaufbaus. Schindel: "Da verschwand ich auf ein halbes Jahrzehnt im Kommunistischen Bund. Ich hatte die Macht meiner Kindheit unterschätzt."

Was hatte einen Teil der antiautoritären, undogmatischen und aktionistischen 68er dazu gebracht, in eine stalinistische Kaderpartei einzutreten - in eine Kleinpartei, die hierarchisch strukturiert, dogmatisch und ziemlich rigid war, und die sich mit üblen Diktaturen wie dem Albanien Enver Hoxhas und dem Kambodscha unter Pol Pot solidarisierte? Zur Schaffung einer neuen, einer besseren Welt bedürfe es eben der revolutionären Veränderung des Bestehenden, glaubte man zu wissen, und für eine Revolution brauchte man eine Avantgardepartei, man brauchte Disziplin und Unterordnung - und nicht den kleinbürgerlichen Individualismus der Intellektuellen.

Auf den Plakaten der Maoisten hatten 5 Männer den Blick entschlossen nach links vorne gerichtet: Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong. An den Büchertischen des KB gab es Stalin-Poster aus Seide zu kaufen, und im Zentralorgan "Klassenkampf" hieß es 1978: "Stalins Wachsamkeit und Weitblick, seine revolutionäre Entschlossenheit und seine Hingabe an die Sache der Revolution, das sind die Stalinschen Eigenschaften, um deren Aneignung jeder Kommunist kämpfen muss."

Für diese Kommunisten war die Sowjetunion nach dem Tod Stalins vom sozialistischen Kurs abgekommen, man sprach in einer recht bezeichnenden Wortwahl von der "Entartung der Sowjetunion". China hingegen galt als das "leuchtende Banner des sozialistischen Aufbaus". Aus dieser Logik erfolgte die Rechtfertigung Stalins: Hatte er nicht immerhin Hitler-Deutschland besiegt? Und hatten die Imperialisten weltweit nicht viel mehr Tote auf dem Gewissen, als sie Stalin vorwarfen? Es habe, erinnert sich Schindel, die Formel gegolten, der zufolge 70 Prozent von Stalins Taten "gut" und 30 Prozent "Fehler" gewesen seien.

Damals, in den 70er Jahren bei den Maoisten, sagt Robert Schindel heute, da habe er sich als Opportunisten kennen gelernt. Seitdem könne er sich die Moskauer Prozesse vorstellen - und zwar von der Opfer- und der Täterseite her. Doch er bedauert diesen "Irrweg" nicht: "Die kostbare Wahrheit dieser Zeit war, dass ich einen mitleidlosen Blick auf mich werfen konnte und erfahren habe, dass man mit mir allerhand hätte machen können." (Peter Lachnit/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 3. 2003)

Peter Lachnit ist Historiker und Politikwissenschaftler und arbeitet als Redakteur bei "Diagonal".

Samstag 1.3.,17.05 Uhr, Ö1: Diagonal zum Thema Stalin. Neben Beiträgen von Peter Lachnit und Reinhard Seiß geht es in dieser Sendung um die Frage, ob man Nationalsozialismus und Stalinismus vergleichen kann und was heute über die Zahl der Stalin-Opfer bekannt ist. Ljuba Arnautovic beschreibt die Stalin'sche Verfolgung an Hand der eigenen Familiengeschichte, und ein Beitrag von Susanne Scholl aus Moskau behandelt die Frage, wie die Stalin-Zeit im heutigen Russland gesehen wird.
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