Jäger auf alle Links- und Rechtsabweichler: Die Chronik von Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwilis Leben und Tod

28. Februar 2003, 20:33
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1879-1917: Der Berufsrevolutionär

Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, Sohn eines Flickschusters, wurde am 21. Dezember 1879 im georgischen Städtchen Gori geboren. Mit 20 aus dem Priesterseminar verwiesen, baut er als Agitator "Koba" der Mehrheits-Sozialdemokraten (Bolschewiki) in Baku eine illegale Parteiorganisation auf, organisiert Banküberfälle für die Parteikasse. Nach Gefängnis und Verbannung trifft er Lenin, der ihn zur Abhandlung Marxismus und nationale Frage anregt (geschrieben 1913 in Wien, erstmals unter Stalin, "der Stählerne"). Wieder verhaftet und in die nordsibirische Einöde verbannt. Nach Sturz des Zaren (März 1917) in Petrograd, bei Lenins Staatsstreich im November ("Oktoberrevolution"), bleibt Stalin im Hintergrund.

1918-1923: Mann des Apparats

Stalin wird Volkskommissar für Nationalitäten. Bei Verteidigung der Stadt Zarizyn (später Stalingrad, heute Wolgograd) gegen die Weißen Zerwürfnis mit dem Kriegs-Volkskommissar Trotzki. Im Krieg mit Polen wird Stalin als Befehlshaber der Südfront mitschuldig an der Niederlage der Roten Armee bei Warschau. Zum Generalsekretär der KP bestellt. Lenin (gestorben 1924) verurteilt blutiges Vorgehen Stalins bei Annexion Georgiens. Testamentarische Kritik Lenins an Stalins "ultrarussischer", gehässiger und bürokratischer Haltung. Stalin hat bereits Parteiapparat und Tscheka (politische Polizei, später GPU, dann NKWD) an seiner Seite. Testament wird ignoriert.

1923-1929: Die Diadochenkämpfe

Stalins Ziel: die Ausschaltung des in Partei und Armee angesehenen, ihn intellektuell überragenden Trotzki. Triumvirat mit Sinowjew und Kamenew. Trotzki wird als Kriegskommissar abgesetzt, später in die Türkei abgeschoben. Die früheren Bundesgenossen werden nicht mehr gebraucht. Nun als "linke Abweichler" kaltgestellt. Stalin popularisiert Marxismus als "Leninismus" zu einer auf Formeln reduzierten Doktrin, der alle gesellschaftlichen Bereiche, auch Wissenschaft und Kunst, unterworfen sind und die nur von der Parteiführung interpretiert werden darf.

1929-1934: Kollektivierung

Ende der von Lenin eingeleiteten "Neuen Ökonomischen Politik" (NEP), die beschränkt Markt und kleinindustrielles Privateigentum zuließ. Ziel der "Weltrevolution" aufgeschoben, Stalin verkündet "Sozialismus in einem Land", zu erreichen durch forcierte Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft. Nikolai Bucharin warnt vor Zwangskollektivierung - ein "rechter Abweichler". 1929 beginnt "Liquidation der Kulaken als Klasse" - die brutale Enteignung und Vertreibung der Groß- und Mittelbauern, Tod von Hunderttausenden, Deportation von Millionen in die Zwangsarbeit zum "Aufbau des Sozialismus". Furchtbare, politisch geförderte Hungersnot vor allem in der Ukraine kostet Millionen das Leben.

1934-1938: Der Große Terror

Beim "Parteitag des Sieges" (1934) - Abschluss der Kollektivierung, Erfolge bei Aufbau der Groß- und Rüstungsindustrie - stimmen rund 300 von 1225 Delegierten gegen Generalsekretär Stalin. Wird vertuscht. Stalins Misstrauen will "Säuberung". Mysteriöser Mord an "Liebling der Partei" Sergej Kirow in Leningrad. Stalin erlässt sofort Sondergesetze, die die letzten Reste der Rechtsstaatlichkeit aufheben. Massenverhaftungen, Schauprozesse, zunächst gegen die "trotzkistischen Doppelzüngler" und "weißgardistischen Mörder" (Diktion der als Lehrbuch millionenfach verbreiteten Geschichte der KPdSU/B) Sinowjew und Kamenew und deren Anhang. Geständnisse durch Foltern und Sippenhaftung erpresst. Die Politische Polizei wird von Jagoda, dann Jeschow (beide hingerichtet), schließlich vom sadistischen Henker Berija geleitet. Weiteres Prozessopfer: Bucharin, bis 1929 Präsident der Komintern. Generalstaatsanwalt Wyschinski: "Knallt die Hunde nieder!" Hexenjagd auf alte Bolschewiken ebenso wie auf Schriftsteller, Künstler, ausländische Kommunisten, Schutzbündler, sogar auf Kämpfer gegen Franco in Spanien. Schließlich auch auf Großteil der Generalität mit Marschall Tuchatschewski an der Spitze. Atmosphäre der Angst, des Misstrauens und der Denunziation im ganzen Land. Die Zwangsarbeitslager (GULag) füllen sich erneut, sind längst ein Wirtschaftsfaktor geworden.

1939-1940: Der Hitler-Stalin-Pakt

Bis zur Machtergreifung Hitlers galt Stalin und der von ihm vereinnahmten Komintern die Sozialdemokratie ("Sozialfaschisten") als Hauptgegner. Hitlers Machtergreifung brachte den Schwenk zu Forderung von "Volksfronten" und kollektiver Sicherheit. Grundprinzip Stalins: die kapitalistischen Staaten sollen sich durch ihre Konflikte untereinander schwächen. Diese ideologische Haltung führt 1939, nachdem die Westmächte Verhandlungen zögernd führen und Polen keinen sowjetischen Schutz will, zur Annäherung an Hitler. Ein Nichtangriffspakt ermöglicht Hitler die Auslösung des Krieges. Die Sowjetunion liefert Deutschland kriegswichtige Güter. Im bis 1987 (!) geleugneten geheimen Zusatzprotokoll erhält Stalin Ostpolen, die baltischen Staaten sowie das rumänische Bessarabien und die Nordbukowina als Interessenssphäre zugestanden. Die kriegerische Unterwerfung Finnlands scheitert nicht zuletzt an den drastischen Ausfällen an Militärfachleuten infolge der Säuberungen. Im August 1940 lässt Stalin seinen Erzfeind Trotzki im mexikanischen Exil durch einen Agenten beseitigen.

1941-1945: Der große Krieg

Stalin ist sich über Hitlers Abenteurertum im Klaren, aber er hofft auf Zeitgewinn durch den Pakt. Am 5. Mai 1941 spricht er vor Absolventen der Militärakademie. Der Krieg werde unumgänglich werden und müsse zur "bedingungslosen Zerschlagung des deutschen Faschismus" führen. Aber er rechnet nicht damit, dass Hitler einen Zweifrontenkrieg wagen wird. Doch schon im Juli 1940 beginnen Hitlers Vorbereitungen für den Überfall. Als ihn sein Generalstabschef Schukow in der Nacht des 22. Juni 1941 weckt, um ihm den Einfall der Wehrmacht zu melden, will Stalin dies nicht wahrhaben. Molotow muss über das Radio zum Sowjetvolk sprechen. Hitlers Truppen überrennen das Baltikum, Weißrussland, die Westukraine. Erst fast zwei Wochen später meldet sich Stalin. Er wendet sich an den Patriotismus der Russen, warnt vor der Grausamkeit des Feindes, der die Völker der Sowjetunion germanisieren, zu Sklaven machen will, und verlangt rücksichtslose Kriegsführung. Inzwischen wandern Hunderttausende in die Gefangenschaft. Nicht nur der Überraschungseffekt, auch die Führungsschwäche der gedemütigten Roten Armee trägt traurige Früchte. "Der katastrophale Anfang ist das Resultat von Stalins Alleinherrschaft", schreibt ein russischer Historiker. Aber das System, das er geschaffen hat, funktioniert: viele vertrauen der längst kulthaft gepriesenen Weisheit dessen, der da spricht. Und die Eroberer bestätigen Stalins Worte: sie denken nicht daran, als Befreier vom Bolschewismus aufzutreten, die Slawen sind für sie zur Knechtschaft bestimmte "Untermenschen". Vor Moskau stockt der Angriff. Der sich formierende Widerstand, der Herbstschlamm und der Winterfrost stoppen den Blitzkrieg. Und um die Jahreswende 1942/ 43 ist der Bann gebrochen: Der Sieg von Stalingrad wird zur Wende des Krieges. Aus dem furchtbaren Leid, das Nazideutschland über die Völker Russlands gebracht hat, erhebt sich Stalin als Triumphator.

1945 - 1953: Die Teilung der Welt

In Potsdam wird bestätigt, was in Teheran und Jalta vorbereitet wurde und was Churchill mit Stalin mit einem Federstrich auf der Landkarte vereinbart hat: der Diktator zögert nicht, dem östlichen Mitteleuropa den Stempel seiner Tyrannei aufzudrücken. Die kommunistischen "Volksdemokratien" müssen sein politisches System übernehmen, jede mit einem kleinen "Stalin" an der Spitze, jedem Befehl aus Moskau gefügig. Als einer das anders will, Jugoslawiens Tito, trifft ihn der Bannstrahl. Und in den Satellitenstaaten beginnt in scheußlichen Schauprozessen die Jagd auf "Titoisten". Auch im "Vaterland der Werktätigen" waltet der Schreckensmensch Berija weiter seines Amtes. Die Balten sind nach den Schrecken der Naziherrschaft neuen Massendeportationen ausgeliefert, auch kleine Völkerschaften wie die Tschetschenen trifft der Zorn des Diktators, ebenso unzählige, die als Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene Hitler überlebten. Die Künstler werden unter Knute von Shdanow zu den Plattheiten des "Sozialistischen Realismus" gezwungen. Der "Eiserne Vorhang" schnürt Stalins Welt ab. Aber im einsetzenden Kalten Krieg kann die Sowjetunion schon 1949 mit einer Atombombe das Gleichgewicht des Schreckens herstellen. Stalin ist Herr der Supermacht, die sich Amerika nun wenigstens auf diesem Gebiet ebenbürtig wähnt. Trotz aller Machtfülle ist Stalins Misstrauen gegen jedermann geblieben. Berija bekommt wieder Arbeit. Erst eine "parteifeindliche Gruppe" alter Kommunisten, dann die jüdischen Kremlärzte, gefährliche "amerikanische Agenten". Der alternde Diktator, von Jasagern und Schmeichlern umgeben, ist einsam. Seltsam, dass er zuletzt eine Abhandlung über Sprachwissenschaft schreibt und ausgerechnet darin der totalen Vereinnahmung durch eine Gelehrtenschule (wie sie so oft als "marxistisch" gerühmt wurde) eine Absage erteilt. Am 5. März 1953 erliegt er einem Schlaganfall. Lenins Mausoleum bleibt nicht lange seine Ruhestätte. Mit Chruschtschows Enthüllungen beginnt der Anfang vom Ende jener sozialistischen Utopie, die Stalin für viele Millionen zu einem Alptraum von Verfolgung, Terror und Tod hatte werden lassen.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 3. 2003)

Von Manfred Scheuch
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