"Besserung durch Arbeit"

28. Februar 2003, 20:19
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Meinhard Stark hat den unmenschlichen Alltag von Frauen in stalinistischen Straflagern rekonstruiert

Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich das war im Lager und das alles aushalten konnte. Die Kälte, der Hunger, nackt in der dunklen Strafzelle, zwischen Ungeziefer und Ratten. Es fällt mir heute manchmal schwer zu glauben, dass ich das alles überstanden habe", erzählt einer der Exhäftlinge, die in Frauen im Gulag zu Wort kommen. Vom Historiker Meinhard Stark geführte lebensgeschichtliche Gespräche und Erinnerungen dokumentieren die in den Straflagern der Stalinzeit begangenen Grausamkeiten.

Schätzungen sprechen von 15 Millionen Menschen, die zwischen Anfang der 1920er-Jahre und Stalins Tod in den "Besserungsarbeitslagern" (Gulag) interniert waren, davon drei bis vier Millionen Frauen.

Neben "kriminellen" Häftlingen war ein großer Teil der Gefangenen wegen ihrer Religionsausübung, aus politischen Motiven oder aufgrund von Denunziationen verurteilt worden. Die Inhaftierten leisteten dabei einen nicht unerheblichen Beitrag zur Industrialisierung der schwer erreichbaren Regionen der UdSSR.

Der Arbeitsalltag mit seinem Leistungssoll, dessen Erfüllung an die Vergabe der Essensration gekoppelt war, betrug manchmal mehr als zwölf Stunden. Dabei führten Schwerstarbeit, chronischer Kalorien- und Vitaminmangel zu psychischem und physischem Verfall. In manchen Lagern wurde bei Temperaturen von minus 30 bis 50 Grad im Freien gearbeitet. Oft half angesichts dieses circulus vitiosus von Unterernährung und Schwerstarbeit nur der "Arbeitsbetrug". Frauen, die z.B. Bäume zu fällen hatten, packten zur Erreichung der Norm Schnee und Wurzeln in den geforderten Holzstapel. Selbstverstümmelungen oder Simulation von Krankheit waren andere Versuche, dem mörderischen Alltag zu entrinnen.

Neben diesen Unmenschlichkeiten waren Frauen auch Opfer von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen, oder es wurde, um zu überleben, "Brot gegen Sex" getauscht.

Besonders bedrückend ist das Kapitel "Lagermütter und Lagerkinder". Eine bevorstehende Schwangerschaft war für die Sowjetmacht kein Grund, Verhaftung oder Deportation aufzuschieben. Im Lager Mutter zu werden war eine entsprechend traumatische Erfahrung. So berichtet etwa Chawa Wolowitsch, die 1942 in einem abgelegenen Lager entband: "Die Wanzen fielen wie Sand von der Decke und den Wänden. Die ganze Nacht haben wir sie von den Kindern abgelesen. Ein ganzes Jahr lang stand ich nachts am Bett meines Kindes, suchte die Wanzen ab und betete." (Martin Poltrum/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 3. 2003)

Meinhard Stark: Frauen im Gulag. Alltag und Überleben 1936 bis 1956.
? 33,90/553 Seiten, Hanser, München Wien 2003.
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    Die roten Punkte bilden den "Archipel Gulag"

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