Das Individuum in Stalins Staats-Internat

28. Februar 2003, 20:14
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Marina Zwetajewas "Neujahrsbrief", ein Höhepunkt russischer Dichtung, neu übertragen

Svjatoslav Richter erzählte einmal, wie ihn 1953 in Tiflis der Befehl aus Moskau ereilte, bei Stalins Begräbnis zu spielen. Gezwungen, bestieg er eine Maschine, die außer ihm nur hunderte Grabkränze transportierte. Sich beim Begräbnis ans Klavier setzend, stellte Richter fest, dass die Pedale nicht funktionieren. - Diese Anekdote entblößt Stalins und seiner Knechte Verhältnis zur Kunst: Zwang, zugleich despotischer Dilettantismus, nämlich das Ignorieren der vielfältigen Klangmöglichkeiten, die Musik und Sprache - wie das Leben - bieten. "Eine Generation, die ihre Dichter vergeudet hat" (Brodskij) - in Isolation, in Verbannung; in den Selbstmord getrieben oder hingerichtet, nicht erst seit den Moskauer Schauprozessen 1937.

"Wir werden enden wie Majakovskij", sagte Marina Zwetajewa, Russlands innovativste Dichterin des 20. Jahrhunderts, einmal: 1930 hatte sich der begeisterte Revolutionär und Futurist Vladimir Majakovskij, verhöhnt von der stalinistischen Bewegung "proletarischer Dichter", erschossen, vor ihm schon Sergej Jessenin 1925. "Der Selbstmord ist nicht dort, wo man ihn sieht, und er dauert nicht den Abzug des Gewehrhahns", so Zwetajewa zu Majakovskij: Im August 1941 verübte sie, die erst 1939 auf Drängen ihres - im selben Jahr getöteten - Mannes in die Sowjetunion zurückgekehrt war, in Jelabuga - ihrem Evakuierungsort nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR - Selbstmord.

Soviel zur Vorgeschichte. Sie ist nötig, um die Nebenklänge in einer der wichtigsten Neuerscheinungen dieses Winters mitzuhören: Marina Zwetajewas Elegie auf den Tod Rilkes, ihr Neujahrsbrief, "in vieler Hinsicht ein Höhepunkt der russischen Dichtung insgesamt" (Joseph Brodskij), ist erstmals in adäquater deutscher Übersetzung - Hendrik Jackson für die Wiener edition per procura - erschienen. Ein Werk voller Zwischentöne, Abstürze, voller Todes- und Lebenslust.

Nie konnte bis in winzige Sprachvariationen hinein jemand so vom Tod sprechen wie hier Zwetajewa. Und zwar nicht nur vom individuellen - demjenigen Rilkes im Schweizer Sanatorium zur Jahreswende 1926 -, sondern zugleich vom kollektiven im stalinistischen Staats-Internat.

Solchen Todesarten-Dialog führt das Poem in bockigster Weise. Dazu ein Beispiel, der Beginn dieses Neujahrsbriefes: "Frohes Neues: Jahr - Licht - Land und Bleibe!/Dies der erste Brief, den ich Dir schreibe/an den neuen Ort - der kaum wohl saftig/schmatzt (Geschwätz) - nein: öder Platz, wos heftig/schallt wie hinter Äols Mauern." - Das russische Wort "Svet" (Licht/Welt) hat hier gleich mehrere Bedeutungen: In Analogie zu "Neues Jahr" wie "Neue Welt": eine des "Lichts". Das Jenseits also nicht als "Finsternis". Sondern mehr "Land und Bleibe" - während das eigene Land jeden Boden unter den Füßen entzieht. Gleichzeitig aber (ja: gleichzeitig) ist der Tod hier auch "öder Platz, wos heftig/ schallt", wie auf einem Appellplatz. In diesen Spannungen baut Zwetajewa ihren Text. Diese Übersetzung nimmt sie auf. Ein Buch zum Überleben. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 3. 2003)

Marina Zwetajewa: Poem vom Ende/Neujahrsbrief.

? 12,80/136 Seiten Wien, edition per procura 2003.
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