Heimatsuche führte über Österreich

28. Februar 2003, 20:07
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US-Besatzungszone als Drehscheibe für Überlebende des Holocaust

2 bis 300.000 jüdische Flüchtlinge und Überlebende des Holocaust vor allem aus Mittel- und Osteuropa hielten sich zwischen 1945 und 1955 in der österreichischen US-Besatzungszone auf. Das enge Netz an sozialen Beziehungen, das Lagerleben und Zukunftsperspektiven bestimmte, nahm die Salzburger Historikerin Susanne Rolinek in einem vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt unter die Lupe. "Ich wusste nicht, was ich nun anfangen sollte. Eine innere Stimme sagte mir: Sie haben dich jetzt befreit, aber du bist mutterseelenallein auf der Welt. Ich hatte niemanden mehr, und ich wusste nicht, wohin." - Das Gefühl der Entwurzelung machte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur ehemaligen KZ-Häftlingen zu schaffen. Viele Überlebende des Holocaust fühlten sich der Familie, Heimat und Identität beraubt. Sie entschlossen sich zu flüchten - in der Hoffnung, in Palästina beziehungsweise dem späteren Israel oder in den USA ein neues Zuhause zu finden. Viele führte ihr Weg auch nach Österreich, in das neben Deutschland wichtigste Transitland für osteuropäische Juden. Schutz und Unterstützung suchten sie in erster Linie bei der US-Army, in deren Besatzungszone sich 47 von insgesamt 60 Lagern für jüdische "Displaced Persons" (DPs) befanden.

"Die amerikanischen Truppen galten als eine Art Schutzmacht. Die Flüchtlinge wussten, dass sie in ihren Lagern gut versorgt und bei der Weiterreise unterstützt werden", erklärt Susanne Rolinek, die für ihr Projekt auch Archive in Israel und den Vereinigten Staaten durchstöberte. Zwei große Fluchtwellen aus Ost- und Mitteleuropa stellte die Forscherin fest: unmittelbar nach Kriegsende, als Antisemitismus und Wirtschaftselend viele Menschen flüchten ließen, sowie Ende der 1940er-Jahre, nach der Machtübernahme der Kommunisten in den sowjetisch besetzten Ländern.

Eine große Rolle spielte dabei die illegale Fluchtbewegung "Brichah", die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von osteuropäischen Holocaust-Überlebenden gegründet worden war. Ihre Büros sammelten direkt vor Ort fluchtwillige Juden ein und organisierten Transporte aus Ost-und Mitteleuropa über die amerikanischen Besatzungszonen weiter nach Palästina, wo die Menschen für einen jüdischen Staat kämpfen sollten. Da sowohl US-Army als auch jüdische Hilfsorganisationen an einer Lösung des Flüchtlingsproblems interessiert waren, entwickelte sich eine vielschichtige Zusammenarbeit.

Das "American Jewish Joint Distribution Committee", die bedeutendste Hilfsorganisation, versorgte die Displaced Persons nicht nur mit Lebensmitteln und Medikamenten, es finanzierte auch den Transit durch Österreich nach Palästina.

Nach der anfänglichen Euphorie büßte die zionistische Idee eines eigenen Heimatlandes aber schnell an jener Faszination ein, die in den ersten Nachkriegsjahren auch familiäre oder nationale Bindungen überlagert hatte. Nicht alle Flüchtlinge wollten für den neuen Staat kämpfen. Manche zogen es vor, in die USA, nach Kanada oder Australien auszuwandern.

Schwierig wurde es für sie nach der Gründung Israels 1948, als die US-Truppen die Flüchtlingslager schließen wollten und gemeinsam mit den Hilfsorganisationen die Auswanderung nach Israel als die einfachste Lösung propagierten. 1950 wurden die noch bestehenden Lager an die österreichische Bundesregierung übergeben. Nachdem die Auswanderungschancen immer geringer wurden, entschlossen sich manche Flüchtlinge, in Österreich zu bleiben.

Dass ihnen das nicht einfach gemacht wurde, belegen nüchterne Zahlen: Denn während Österreich von 1945 bis 1952 200.820 "Volksdeutsche" und 35.207 andere fremdsprachige Flüchtlinge einbürgerte, erhielten nur 23 jüdische Displaced Persons in dieser Zeit das begehrte Dokument.

Zwei der bekanntesten Vertreter ehemaliger jüdischer Flüchtlinge, die in Österreich blieben, sind der später als "Nazijäger" bekannt gewordene Simon Wiesenthal und Leon Zelman, heute Leiter des Jewish Welcome Service. "Anders als zunächst angenommen spielten 'affinity groups' - enge soziale Beziehungsgruppen - eine bedeutendere Rolle als die Orientierung an Führungspersönlichkeiten und deren Ideologie", fasst Susanne Rolinek die Ergebnisse ihres Projekts zusammen. "Offensichtlich versuchten die Flüchtlinge nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus, ihr Leben nicht nur durch politische, sondern durch private Sinngebung zu stabilisieren."

Deshalb entschieden sie sich auch nicht aus Loyalität mit dem Staat Israel für oder gegen eine Auswanderung, sondern aufgrund von familiären und freundschaftlichen Beziehungen. Die Arbeit Jüdische Flüchtlinge in Österreich 1945-1955 wird noch heuer im Studienverlag als Buch publiziert. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2. 3. 2003)

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