"Lilja 4-ever": Ein Abstieg im freien Fall

23. Juli 2004, 14:32
5 Postings

Der bisher düsterste Film des schwedischen Regisseurs Lukas Moodysson: das Sozialdrama "Lilja 4-ever"

Wien - Lilja rennt und rennt. An einem Brückengeländer macht sie endlich Halt und steht vor der Wahl zwischen Leben und Tod. Die Kamera ist ihr atemlos gefolgt, auf der Tonspur röhren Rammstein: "Mein Herz brennt".

Das ist der suggestive Anfang von Lukas Moodyssons jüngstem Film Lilja 4-ever, eigentlich jedoch schon der Schluss. Wir wissen also gleich: Es wird nichts viel besser, es kommt nur schlimmer - egal wie sich die junge Russin letztlich entscheidet.

Ein Pessimismus, der manchen überraschen mag, galt der schwedische Regisseur doch bisher als Experte für Feel-good-Movies - die Hippiekommunen-Klamotte Together und mehr noch sein Debüt Fucking Amal verdankten ihren Erfolg nicht zuletzt ihrem emotionellen Wechselbad. Auf den Figuren wie der Welt an sich ruht darin ein versöhnlicher Blick:

Moodysson nimmt sich einfühlsam der Perspektive seiner jugendlichen Heldinnen und Helden an, die souverän geführten Schauspieler erledigen den Rest. Oksana Akinshina, die fraglos beachtliche Darstellerin der Lilja, agiert nicht anders, obwohl es ihr anders ergeht. Sie könnte sich in die Reihe der Überlebenskünstlerinnen der letzten Zeit fügen, etwa neben Rosetta der Brüder Dardenne - als eine (weitere) Fallstudie, die zeigt, wie erbarmungslos die Daseinsbedingungen am freien Markt sein können.

Aber Lilja ist weniger Opfer ihrer Familie oder gar Russlands, dessen soziale Institutionen versagen; vielmehr ist es eine Laune des Drehbuchs, die ihr Schaden zufügt: Da fährt die Mutter mit Freund, aber ohne Lilja nach Amerika, die Tante schmeißt sie aus der Wohnung, dann verliert sie ihre Freunde, die sie für eine Prostituierte halten . . .

Moodysson beschreibt also eine Abwärtsbewegung, wobei das Unglück schicksalhaft zuschlägt. Denn er will seine Heldin ganz unten haben, um dann eine hoffnungsvolle Wendung als die noch größere Katastrophe ausweisen zu können. Zwischen desolaten Wohnbauten, von neureichen Aufreißern bevölkerten Clubs und ignoranten Fürsorgestellen vollzieht sich Liljas Abstieg rasant, in seinem Determinismus ist dieser aber seltsam willkürlich; der naturalistische Stil wirkt insofern aufgesetzt, weniger von analytischem Interesse an den Lebensumständen getragen als von ästhetischem Kalkül.

Was Lilja 4-ever aber auch sein will: eine Parabel mit märchenhaften Zügen, die Anleihen an Lars von Triers Arbeiten nimmt. Wolodja (Artiom Bogucharskij), ein Bub, noch jünger als Lilja, bleibt ihr letzter Gefährte. Die Szenen zwischen den beiden gehören zu den hoffnungsfrohesten des Films.

Als Lilja jedoch das Angebot bekommt, fortzugehen, lässt sie Wolodja im Stich - in Schweden erscheint er ihr wieder, als Schutzengel. Die fantastischen Momente sind da, um das Elend zu konterkarieren, das Lilja im Westen erfährt. Sie wird in Gefangenschaft gehalten, als Prostituierte hat sie mit zahlreichen Männern Verkehr: Moodysson filmt ihre Körper nur in Detailansichten und erreicht damit, eine ausweglose Situation in ihrer ganzen Härte zu zeigen, ohne je spekulativ zu wirken.

Umgekehrt erzeugt die Nähe, welche die Inszenierung zu Lilja sucht, allerdings eine Komplizenschaft mit dem Opfer, die nicht ganz gerechtfertigt erscheint. Dafür lebt Lilja viel zu wenig für sich selbst, und so muss sich Moodysson mit der Endgültigkeit des Todes helfen, um sie zum Leben zu überreden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.3.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

Link

'Lilja 4-ever'
Fanseite


Zur Zeit im Stadtkino in Wien
  • Artikelbild
    foto: stadtkino
  • Artikelbild
    foto: stadtkino
  • Artikelbild
    foto: stadtkino
Share if you care.