Parole: Zulassen

15. August 2003, 21:15
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Die Szene spielt ungefähr vor einem halben Jahrhundert. Schauplatz: das Institut für Volkskunde an der Grazer Universität. Zeit: spätabends. Zu meinem Leidwesen ist mir das für den Inhalt der Szene unwesentlichste Detail noch am lebhaftesten in Erinnerung: der Geruch. Im Keller des Gebäudes, in dem auch das Institut für Anatomie untergebracht war, lagen und dufteten die Leichen. Mit welchen wir nur mittelbar etwas zu tun hatten, indem wir verhindern wollten, dass es wieder mehr als nötig davon gibt.

Als aufrechte Mitglieder des Versöhnungsbundes agitierten wir nämlich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln (und, wie man sehen kann, natürlich erfolglos) gegen die in Diskussion stehende Wiedergründung des Bundesheeres. Wir - das waren an diesem Abend der kürzlich verstorbene Lyriker und Assistent am Volkskunde-Institut, Alois Hergouth, Heinz Gerstinger, damals Dramaturg an den Grazer Bühnen, und ich, politisch engagierter Gymnasiast, den alles mehr interessierte als die Schule.

Die Mittel, die uns zu Gebote standen, waren so gut wie gar keine. Bis auf einen Abziehapparat im Volkskunde-Institut, der jedoch nur zur Vervielfältigung wissenschaftlicher Texte und interner Verlautbarungen verwendet werden durfte. Spätabends wähnten wir uns vor allfälligen Störenfrieden sicher und machten uns ans verbotene Werk: Hergouth betätigte die Maschine, Gerstinger bereitete die Matrizen vor, auf denen wir unserem heiligen Zorn zuvor Ausdruck verliehen hatten, und ich heftete die noch feuchten Blätter zu Broschüren zusammen, die wir dann im Samisdat unter die Leute brachten. Und der Geruch der ekeligen Druckfarbe mischte sich mit jenem der Kellerleichen zu einem Bouquet von unüberbietbarer Scheußlichkeit.

Eines Nachts passierte es dann: Plötzlich stand der Institutsvorstand im Zimmer. Hanns Koren war sein Name. Ziemlich verdattert hielten wir inne und erwarteten eine peinliche Befragung. Doch nichts geschah. Koren kramte in einem Kasten, entnahm diesem ein Buch und steckte es in seine Aktentasche. Bevor er das Institut verließ, wandte er sich dem eingeschüchtert abwartenden Trio zu und sagte: "Also, ich weiß von nichts. Gute Nacht." Dann war er auch schon draußen.

Zu dieser Zeit bekleidete Hanns Koren im offiziellen steirischen Kulturleben noch keinerlei Funktion. Und dennoch ist dieser frühe nächtliche Reflex dieses später zu einsamer und prägender Größe gewachsenen Kulturpolitikers kennzeichnend für die Weise, auf die Graz zu dem werden konnte, als was man diese Stadt heuer bezeichnet.

Seine Parole hieß: zulassen. Er gab den schöpferischen Kräften des Landes und dieser Stadt stets eine Chance. Dazu gehören Mut und Demut im gleichen Maß. Er lenkte nicht, er förderte. Das war es. Und das wird es wohl auch wieder sein müssen. (DER STANDARD; Printausgabe, 01./02.03.2003)

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